Corona: Nur ein böser Alptraum?

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Großveranstaltungen wie das Wülfrather Kartoffelfest - hier eine Aufnahme aus 2019 - sind bis Ende Oktober verboten. Aber die Menschen gehen völlig unterschiedlich um mit den geltenden Regeln. Foto: Hans-Joachim Kling

Ein Kommentar von Hans-Joachim Kling zur Lage in der Corona-Krise:

Manchmal sieht es aus, als ob niemals was gewesen wäre. Menschen treffen sich, herzen sich, fallen sich in die Arme. Im Biergarten sitzt alles munter beieinander. Nur die Bedienung mit diesem komischen Mundschutz und der Sprayflasche mit Desinfektionsflüssigkeit stört das Bild. Es fühlt sich an wie früher. Corona – das muss ein böser Alptraum gewesen sein.

Der Bus fährt vorbei und du stutzt: War da nicht was mit Maskenpflicht? Doch hinten im Bus wird der Mundschutz getragen wie ein Halstuch im Western. Wenn Kontrolle naht, kann
man ihn ja wieder aufsetzen. Corona – das ist doch dieser Blödsinn aus den Medien.

Die einen sagen ihre Hochzeitsfeiern ab, die anderen feiern die Hochzeit direkt vor dem Rathaus (und der Polizeiwache) mit ungefähr 50 Leuten – und das war noch vor der jüngsten Lockerung. Von Abstand kann keine Rede sein. Das muss ein Film aus der Zeit vor Corona gewesen sein. War aber gar kein Film.

Virologen haben unterdessen erkannt, dass die „Aerosole“, die die Menschen ausatmen, die Viren verbreiten können. Und wie rasend schnell sich der Virus verbreitet, haben ja gerade
in dieser Woche die (mittlerweile) mehr als 1.000 Infizierten in einem Fleischverarbeitungsbetrieb gezeigt.

Wegen der Aerosole warnen Experten inzwischen eindringlich: Es sollen sich bloß nicht mehrere Menschen über längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten. Und wenn das
unvermeidlich ist, sollen sie unbedingt Mundschutz tragen.

Thüringen hingegen denkt daran, in Einzelfällen sogar wieder Feste zuzulassen. Die wären ja auch nicht in geschlossenen Räumen…

Gibt es hier zwei Parallel-Welten? Eine mit und eine ohne Corona?

Die eine Hälfte der Gesellschaft scheint beschlossen zu haben: Nun ist vorbei. Und die andere steht fassungslos daneben.

Die einen belegen das mit nur gut 200 Neuinfektionen am Tag in ganz Deutschland: „Das ist gar nichts.“ Die anderen sehen die immer weiter steigende Zahl der Toten in fernen Ländern.

Neulich war zu lesen: Regeln einhalten ist heute links, dagegen protestieren rechts. Unser Weltbild ist aus dem Rahmen gefallen.

Oder anders: Die, die die Regeln befolgen, sind die angepassten Angsthasen; die, die sie belächeln, die coolen Revoluzzer.

Und wie sieht er nun aus, der richtige Weg zwischen Nähe und Distanz?

Sich einigermaßen an die Regeln zu halten, hat vor allem etwas zu tun mit Solidarität
oder Gemeinsinn. So kommen wir einigermaßen durch die Krise. Gesundheitlich und wirtschaftlich.

Und bei allem Aufruhr und Aufbruch sollten wir alle immer wieder einmal innehalten und daran denken: Corona hat auch hier Menschen aus dem Leben gerissen, die noch da sein könnten. Auch wenn wir vielleicht zufällig keinen kennen.