Tödlicher Unfall an Haltestelle: 83-Jährige schweigt

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Die 83-jährige angeklagte Frau spricht vor dem Beginn des Prozesses mit ihrem Anwalt.
Die 83-jährige angeklagte Frau spricht vor dem Beginn des Prozesses mit ihrem Anwalt. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Essen (dpa) – Es müssen dramatische Szenen gewesen sein: Vor rund zwei Jahren soll eine Rentnerin aus Essen mit ihrem Auto an einer Straßenbahnhaltestelle in eine Menschengruppe gefahren sein. Ein Mann starb, zwei Jugendliche wurden lebensgefährlich verletzt. Seit Montag steht die 83-Jährige vor Gericht – und schweigt.

Es war der 29. Februar 2020, als die Frau laut Anklage gegen 17.25 Uhr im Essener Stadtteil Frohnhausen ein vor ihr wartendes Auto rechts überholte. Laut der Anklage fuhr ihr Wagen dabei mit zwei Reifen und mindestens Tempo 50 über den Bürgersteig. Kurz zuvor hatten am Straßenrand wartende Fahrgäste begonnen, die Fahrbahn zu überqueren, um eine mittig auf der Straße stehende Straßenbahn zu erreichen. Die Angeklagte soll ungebremst in sie hineingefahren und der Wagen erst deutlich hinter der Straßenbahn stehen geblieben sein.

«Ich habe gesehen, wie die Personen durch die Luft geflogen sind», sagte eine Augenzeugin den Richtern am Essener Landgericht. Ein Junge sei sogar noch vor ihr eigenes Auto geprallt, das in entgegengesetzter Fahrtrichtung an einer roten Ampel gestanden habe.

Warum es zu dem Unfall kam, ist unklar. «Meine Mandantin findet den Vorfall sehr tragisch», sagte Verteidiger Andreas Wieser am Rande des Prozesses. «Sie ist entsetzt über die Folgen. Das ist eine ganz schlimme Sache.» Wie es dazu gekommen sei, müsse der Prozess zeigen.

Bei dem Unfall waren zehn Menschen verletzt worden, ein 66-Jähriger erlag drei Wochen danach seinen Verletzungen. Er war laut Anklage über die Motorhaube hochgeschleudert worden.

Sein Sohn sagte in einer Verhandlungspause über die Angeklagte: «Diese Frau hat unser Leben zur Hölle gemacht. Wir leiden jeden Tag.» Seine Mutter sei nach dem Tod des Vaters psychisch erkrankt. Er habe sein Studium verlängern müssen, um sich um sie zu kümmern. «Sie konnte das Leben in Essen nicht mehr aushalten und ist zu mir nach Mainz gezogen.»

Die beiden 13 und 14 Jahre alten Jugendlichen hatten wegen des Aufpralls schwerste Kopfverletzungen erlitten. Die Anklage spricht von Schädelfrakturen und Hirnblutungen. Weitere Personen erlitten Knochenbrüche, Verstauchungen und Schockzustände. Auch von psychischen Problemen ist die Rede.

Einen technischen Defekt des Autos der Angeklagten hatte ein Gutachter laut Anklage ausgeschlossen. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung in zehn Fällen und Gefährdung des Straßenverkehrs. Das Essener Landgericht hat für den Prozess zunächst noch zehn Verhandlungstage bis zum 2. Mai vorgesehen.