«Gierig nach Spaß»: 90.000 Fans feiern «Rock am Ring»

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Jeremy McKinnon tritt auf der Mandora Stage des Open-Air-Rockfestivals “Rock am Ring“ auf.
Jeremy McKinnon tritt auf der Mandora Stage des Open-Air-Rockfestivals “Rock am Ring“ auf. Foto: Thomas Frey/dpa

Nürburg (dpa) – Wummernde Bässe, Sonne und Regen, kaum Masken und viel Gemeinschaftsgefühl: Nach mehreren Jahren Corona-Zwangspause haben 90.000 ausgehungerte Fans das Comeback des Kultfestivals «Rock am Ring» gefeiert. Rund 70 Bands auf drei Bühnen heizten ihnen von Freitag bis Pfingstsonntag am Nürburgring in der Eifel ein. Die neuen Organisatoren sprechen bei dem schon 1985 erstmals aus der Taufe gehobenen Spektakel von einem Besucherrekord. «Der Neustart hätte besser nicht laufen können. Die Aufbruchstimmung und Freude, wieder Teil eines Festivals zu sein, war überall zu spüren», erklärten die Veranstalter.

Ein Polizeisprecher sagte beim Auftakt: «Die Leute sind gierig nach Spaß und Freude.» Sonnenschein, knappe Sommerklamotten, bunte Hüte und Schottenröcke – vor allem junge Menschen feierten und tanzten auf dem Asphalt der legendären Rennstrecke. Erst am dritten Tag fiel auch Regen, aber augenscheinlich ohne die Fans sehr zu schocken.

Auch die Polizei berichtete von keinen größeren Zwischenfällen auf dem Festivalgelände. «Die Zahl der Straftaten ist sehr niedrig im Vergleich zu Vor-Corona-Jahren», sagte eine Sprecherin. Zur «normalen» Festivalkriminalität gehörten Körperverletzungen und Diebstähle. «Die Leute sind gut drauf, aber sie machen uns wenig Arbeit», sagte ein Polizeisprecher am Samstag. Womöglich seien die Gäste nach zwei Jahren Pandemie insgesamt tatsächlich vorsichtiger geworden.

Am Freitag bot sich schon beim Auftakt mit der Alternative-Rock-Band Donots eine Überraschung. Beim Tote-Hosen-Klassiker «Hier kommt Alex» stiegen die Toten Hosen plötzlich selbst auf die Bühne und wiederholten ihren eigenen Song. Jubel, noch ein Lied – dann trat die Düsseldorfer Kultband wieder ab.

Headliner waren diesmal Green Day, Muse und Volbeat. Aber auch viele andere Bands heizten den Fans aus dem In- und Ausland tüchtig ein. Rapper Alligatoah zertrümmerte absichtlich eine Gitarre, ein Musiker der kalifornischen Band Fever 333 kletterte viele Meter an Bühnenaufbauten hoch.

Am Sonntag regnete es dann erstmals, die Fans störte das kaum. Starkregen wie in manchen früheren Jahren gab es nicht. Auch schwere Unwetter trafen «Rock am Ring» schon, sogar Verletzte durch Blitzschläge gab es in Vorjahren.

Diesmal störte der Regen kaum, wie Johanna (23) aus Koblenz meint. «Ich habe den Regen am frühen Morgen auf dem Zeltdach gehört. Das war schön im Zelt.» Die Zelte hätten den Regen gut überstanden, ergänzte Pascal (27). «Nur der eine oder andere Pavillon ist kaputt.»

Die meisten Besucher übernachteten auch in diesem Jahr auf riesigen Campingflächen. Tausende Zelte in allen Farben reihten sich auf Wiesen aneinander. Die Fans feiern bei «Rock am Ring» traditionell nach Ende des Bühnenprogramms munter weiter – mit eigenen Musikboxen, Bierdosen in Planschbecken, Girlanden aus leeren Getränkedosen, Essen vom Grill und Wasserpfeifen.

Einige Fans bauten ihre Zelte auch neben dem Sicherheitszaun an der Nordschleife am Nürburgring auf, wo Hobbyrennfahrer mit ihren eigenen Wagen vorbeiröhrten. Die besondere Kombination von Motorsport und Rockmusik freut die Fans, etwa Fabian (23) aus der Nähe von Fulda, der auf einem Campingstuhl die Sportwagen beobachtete.

Zeitgleich zu «Rück am Ring» stieg in Nürnberg auch wieder das Zwillingsspektakel «Rock im Park» – zeitversetzt mit weitgehend denselben Musikern und Musikerinnen. Zu beiden Festivals kamen insgesamt mehr als 160.000 Fans – und viele fanden es angesichts von Corona noch ungewohnt, solche Massen wieder unmittelbar zu erleben.

Vor dem Doppelfestival wurde Kritik am äußerst niedrigen Frauenanteil auf den Bühnen laut. Die Veranstalter reagierten darauf und schrieben mit Blick auf den Auftritt der kalifornischen Mädchenband The Linda Lindas: «Bei aller Liebe für alte Helden, wir brauchen mehr Künstlerinnen wie diese vier jungen Menschen auf den Bühnen. Das müssen und werden wir uns auf die Fahnen schreiben.»