Ende des 9-Euro-Tickets: ÖPNV wieder teuer und kompliziert

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Ein Fahrkartenautomat im VRR. Foto: Volkmann
Ein Fahrkartenautomat im VRR. Foto: Volkmann

Gelsenkirchen. Zum Monatsende läuft das 9-Euro-Ticket aus. Die Bilanz des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr fällt gemischt aus: den positiven Verkaufszahlen stellt der VRR eine überlastete Infrastruktur gegenüber. 

Drei Monate lang konnten Bürgerinnen und Bürger in Deutschland bundesweit zum Preis von neun Euro die ÖPNV-Netze nutzen. Damit ist bald Schluss: mit einer Investition von neun Euro kommt man im öffentlichen Nahverkehr dann wie zuvor nur noch wenige Kilometer weit. Und auch die alten Strukturen in den Verbundgebieten kommen dann wieder zum Tragen: Waben, Tarife, verbundübergreifende Fahrten – immerhin gibt es durch reine Online-Tickets mit Preisberechnungen nach Luftlinienkilometern einige Alternativen, die sich immerhin einfacher nutzen lassen, nicht unbedingt jedoch günstiger.

Das große Interesse an dem vergünstigten Ticket sorgte auch im Gebiet des VRR für einen großen Ansturm. „Die vergangenen drei Monate haben dem System des ÖPNV seine Grenzen aufgezeigt“, so der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. An den Bahnhöfen und Haltestationen waren deutlich mehr Fahrgäste unterwegs – das sorgte für Haltezeitüberschreitungen und Verspätungen.

„Viele Linien auf der Hauptachse von Düsseldorf durch das Ruhrgebiet waren derart stark belastet, dass Reisende teilweise nicht zusteigen konnten“, erklärt der VRR. „Die Zahl der Fahrgäste, die mit den Bussen und Bahnen im VRR unterwegs waren, lag im Vergleich zu 2019 teilweise über dem Vor-Corona-Niveau.“

Auch die Beschäftigten im ÖPNV standen vor Herausforderungen. Der VRR übt gar Kritik: Die Menschen, die das System aufrechterhalten haben, kämen bei der Debatte um das 9-Euro-Ticket „viel zu kurz“. Gemeint sind die Beschäftigten unter anderem bei den Verkehrsbetrieben. Sie hätten einen „150-prozentigen Einsatz gezeigt“, so der VRR. Das sei an vielen nicht spurlos vorbeigegangen. Die Folge waren hohe Krankenstände mit Beeinträchtigungen bei der Angebotsqualität.

VRR: Über 3,7 Millionen Tickets verkauft

Die Verkaufszahlen liegen laut VRR bei mehr als 3,7 Millionen Ticket im Verbundgebiet. Hinzu kommen rund eine Millionen Abonnenten, die das Ticket ohnehin automatisch erhalten haben. Die Ersparnisse betrugen für die Abo-Ticketinhaber bis zu 600 Euro.

Aber: Rund ein Fünftel der 9-Euro-Ticket-Käufer wertet der VRR als Neukunden im ÖPNV. Ein Trend zeigte sich indes. Je städtischer das Gebiet und die damit verbundene Erschließungsqualität des ÖPNV, umso größer war der Absatz des 9-Euro-Tickets.

Rund 52 Millionen mal wurde das Ticket laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) insgesamt verkauft. Es ist ein Erfolgsmodell.

Und die Auswirkungen auf die Mobilität? Auch hier zieht der VRR Bilanz: „Das 9-Euro-Ticket führt zu Steigerung der Nutzungshäufigkeit, insbesondere bei Käuferinnen und Käufern des 9-Euro-Tickets“. Zudem seien leichte Verlagerungen zu verzeichnen. „Zehn Prozent der Fahrten, die mit 9-Euro-Tickets gemacht wurden, wären mit dem motorisierten Individualverkehr gemacht worden, wenn es das 9-Euro-Ticket nicht gegeben hätte“. Untergeordnet seien laut VRR die Arbeitswege. Die Haupt-Fahrzwecke waren demnach Alltagsfahrten und Besuchsfahrten sowie sonstige freizeitorientierte Wege.

Letztendlich ist bislang unklar, ob und in welchem Umfang sich die Ticketaktion auf den Klimaschutz ausgewirkt hat. Der VDV sieht einen Verlagerungseffekt, andere wissenschaftliche Auswertungen weisen auf das Gegenteil hin.

Mit dem Auslaufen des 9-Euro-Tickets dürfte so mancher Fahrgast ab Donnerstag am Ticketautomaten eine unliebsame Überraschung erleben: dann wird der VRR auf das alte Preisniveau zurückgehen – „weil das Geld benötigt wird“, so der Verbund.

Dort rechnet man mit anhaltenden Corona-Nachwirkungen sowie Auswirkungen durch die steigenden Energiekosten und die Inflation. Einfacher ausgedrückt: Es stehen Preisanpassungen im Raum. ÖPNV-Tickets könnten dadurch nicht nur auf die alten Preise gesetzt, sondern zukünftig noch teurer werden. VRR-Vorstandssprecherin Gabriele Matz fordert daher „nachhaltige Lösungsvorschläge für eine gesicherte und auskömmliche Finanzierung“, mit der es für die Verkehrsunternehmen möglichst ist, „ihre Nahverkehrsleistungen dauerhaft zu sichern und im erforderlichen Maße in Innovationen, Infrastruktur, Fahrzeuge und Betrieb zu investieren“. Der Verbund geht für das kommende Jahr von einem kurzfristigen Finanzierungsbedarf von circa 300 Millionen Euro aus.

Durch die Aktion hat allerdings auch der VRR gemerkt, wo es hakt im Nahverkehr. Nicht nur der Preis ist relevant, es hänge auch vom „Zugang zu den Tickets, vom Angebot, vom Nutzungserlebnis und von seiner Einfachheit“ ab, wie VRR-Vorstand José Luis Castrillo feststellt. „Auch diese Faktoren sind es, die den Maßstab für eventuelle Folgeprodukte darstellen.“

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