Thyssenkrupp-Chef Miguel López spricht in Duisburg. Foto: Oliver Berg/dpa/Archivbild

Essen (dpa/lnw) – Die Konjunkturschwäche drückt beim Industriekonzern Thyssenkrupp weiter auf die Geschäfte. Auch im zweiten Quartal (per Ende März) schrieb das Unternehmen laut Mitteilung vom Mittwoch rote Zahlen. Thyssenkrupp macht dafür unter anderem Wertberichtigungen im Anlagevermögen der Werkstoff-Handelssparte verantwortlich.

Das Unternehmen senkte erneut seine Jahres-Prognosen für Umsatz und Konzernergebnis, hält an der erwarteten Steigerung im operativen Geschäft aber fest. Das Unternehmen sprach insgesamt von einer «soliden Geschäftsentwicklung» in einem «herausfordernden Umfeld».

78 Millionen Euro Verlust

Unterm Strich wies Thyssenkrupp von Januar bis März einen Verlust von 78 Millionen Euro aus (Vorjahreszeitraum: minus 223 Millionen Euro). Vor allem konjunkturbedingte Preis- und Nachfragerückgänge im Werkstoffhandel und im Stahlgeschäft sorgten im Vergleich zum Vorjahresquartal für einen Umsatzrückgang von 10,1 auf 9,1 Milliarden Euro.

Thyssenkrupp senkte für Umsatz und Jahresergebnis erneut die Aussichten für das Gesamtjahr 2023/24. Wegen Mengenrückgängen und geringerer Preise im Stahl- und Werkstoffhandelsgeschäft wird jetzt ein Umsatz unter Vorjahresniveau erwartet. Zuvor hatte der Konzern mit einem Wert auf Vorjahresniveau gerechnet.

«Thyssenkrupp hat sich im 2. Quartal planmäßig entwickelt – und das in einem sich weiterhin eintrübenden Marktumfeld», sagte Vorstandschef Miguel López laut der Mitteilung. Er sprach von «wichtigen Fortschritten» bei der strategischen Neuausrichtung des Konzerns und verwies unter anderem auf die Vereinbarung zur 20-Prozent-Beteiligung der EP Corporate Group am Stahlgeschäft und die geplante Neuaufstellung der Stahlsparte.

López sieht Stahlindustrie «massiv gefährdet»

Vor Journalisten betonte er die Dringlichkeit der Maßnahmen. «Trotz langer Tradition und hoher technischer Kompetenz ist die Zukunft unserer Stahlindustrie heute massiv gefährdet», sagte er. Die Nachfrage sei zu gering, die Kosten insbesondere für Energie seien zu hoch, Überkapazitäten drückten auf die Preise. Hinzu kämen Billigimporte aus Asien. «Deshalb muss sich etwas ändern.» Daher habe man in den vergangenen Wochen wichtige Schritte eingeleitet, um den Stahlbereich zukunftsfähig aufzustellen.

«Wir wollen einen Stahl, der nachhaltig Geld verdient – und zwar so viel Geld, dass wir die Transformation hin zu grünem Stahl schaffen», sagte López. Dies tue man auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland, um die Versorgung der heimischen Industrie mit Qualitätsstahl zu sichern. Die staatliche Förderung der Direktreduktionsanlage sei deshalb eine wichtige Investition in Deutschlands grüne Transformation. «Vor allem machen wir das aber für unsere eigene Zukunft und für unsere hervorragende Belegschaft bei Thyssenkrupp – denn nur ein erfolgreiches Unternehmen kann langfristig sichere und zukunftsfähige Arbeitsplätze bieten.»

Thyssenkrupp plant einen deutlichen Abbau von Stahl-Erzeugungskapazitäten in Duisburg, der mit einem Stellenabbau verbunden sein soll. Außerdem soll die EPCG-Holding des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky 20 Prozent der Stahlsparte übernehmen, später 50 Prozent. Bei der geplanten strategischen Partnerschaft soll es vor allem um Energielieferungen gehen.

Konzernchef sieht keine Standortvorteile mehr für Duisburg

Zwei in der Vergangenheit entscheidende Standortvorteile für Duisburg und das Ruhrgebiet existierten inzwischen nicht mehr, sagte López. «Weder ist Deutschland beziehungsweise Europa heute das Zentrum der globalen Stahlnachfrage, noch haben wir die für die energieintensive Stahlproduktion nötigen günstigen Energiequellen vor der Türe, insbesondere dann nicht, wenn Energie und Stahlproduktion künftig grün sein sollen.» Diese Entwicklung bedrohe den Stahlstandort Deutschland.

López verwies darauf, dass Thyssenkrupp Steel in Duisburg vier Hochöfen betreibe und das Unternehmen HKM, an dem Thyssenkrupp zu 50 Prozent beteiligt ist, weitere zwei. «Bisher ist nur für einen die grüne Transformations-Perspektive geklärt – und das mit großer staatlicher Unterstützung, für die wir sehr dankbar sind. Für alle anderen Hochöfen bleibt sie aber offen.» Ohne Energiepartnerschaften sehe es für den Stahlstandort Duisburg düster aus. «Wir wollen, dass auch in Zukunft in Duisburg hochwertiger Qualitätsstahl gekocht wird», betonte López. «Stahl, den Deutschland braucht und bei dem sich unser Land schon aus Resilienzgründen nicht komplett von anderen Ländern abhängig machen sollte.»

Die Thyssenkrupp-Stahlsparte ist größter Stahlhersteller Deutschlands und beschäftigt rund 27.000 Menschen, davon rund 13.000 in Duisburg. Bei HKM arbeiten rund 3000 Menschen.

López betonte, dass die Umbaupläne «selbstverständlich» mitsamt den Auswirkungen auf die Beschäftigung mit dem Betriebsrat und dem Aufsichtsrat von Steel Europe beraten werden. Die geplanten Anpassungen sollten «möglichst sozialverträglich und möglichst ohne betriebsbedingte Kündigungen» umgesetzt werden. Arbeitnehmervertreter hatten zuvor kritisiert, sie nicht ausreichend informiert und in Entscheidungen miteinbezogen zu haben.