Heftige Schmerzen im Bein – Richtige Diagnose kam spät

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Sieglinde Doemges (Mitte) litt lange Zeit an Schmerzen im Bein. Eine zufällige Begegnung führte sie letztlich zur passenden Fachabteilung im Helios-Klinikum. Foto: Helios
Sieglinde Doemges (Mitte) litt lange Zeit an Schmerzen im Bein. Eine zufällige Begegnung führte sie letztlich zur passenden Fachabteilung im Helios-Klinikum. Foto: Helios

Velbert. Eine Kettwigerin hatte plötzlich heftige Schmerzen im Bein. Zur Abklärung besuchte sie mehrere Ärzte, ließ Untersuchungen durchführen und unterzog sich einer Schmerztherapie. Nichts half. Schließlich traf sie bei Vorbereitungen für einen Weihnachtsbasar zufällig die Ärztin mit dem passenden Fachgebiet. „Manchmal ist das Glück ganz nah“, schreibt Nadine Formicola vom Helios-Klinikum und erzählt folgende Geschichte der Patientin.

Das vergangene Jahr war für wenige Menschen ein leichtes, doch für Sieglinde Doemges kam es noch ein bisschen dicker. Plötzlich auftretende Schmerzen im Bein machten schon wenige Meter fast unerträglich und die Suche nach der Ursache zu einer nervenaufreibende „Reise von Pontius zu Pilatus“. Ihr erster Weg, um die starken Schmerzen im Bein abklären zu lassen, führte die Kettwigerin zu ihrem Hausarzt. Da wusste sie noch nicht, was von da an auf sie zukommen würde.

Knie, Wirbelsäule, Hüfte – verschiedenste Untersuchungen und Versuche die richtige Diagnose zu erhalten, brachten keinen Erfolg. Auch drei Wochen in einer Göttinger Schmerzklinik mit abgestimmter Schmerzmedikation und viel Bewegung sorgten kaum für Linderung. Im Gegenteil, die mittlerweile manifestierte Schonhaltung verursachte weitere Beschwerden.

Eine ausführliche radiologische Diagnostik sollte Licht ins Dunkel bringen. Aufgrund einer Allergie konnte das geplante MRT allerdings nur ohne Kontrastmittel erfolgen und auch hier: Nichts!

Die Annahme, dass ihre Beschwerden eventuell doch vom Rücken kamen, führte Frau Doemges schließlich zu einem Schmerztherapeuten, welcher sie für eine Spritzentherapie des Rückens im CT erneut zu einem Radiologen überwies. Dieser stellte fest, dass die Schmerzen unmöglich vom Rücken kommen konnten und riet ihr die angesagte Behandlung nicht durchführen zu lassen und stattdessen doch noch einmal eine bilddiagnostische Untersuchung mit einem Kontrastmittel in Erwägung zu ziehen.

Mittlerweile war es Winter geworden und Sieglinde Doemges der Verzweiflung nah. Um sich abzulenken, engagierte sie sich wie jedes Jahr beim Weihnachtsbasar der Frauengemeinde in Essen Kettwig, wo sie zufällig Dr. med. Gabriele Kischel-Augart, Chefärztin der Gefäßchirurgie am Helios-Klinikum Niederberg traf. Sie kannte die Medizinerin flüchtig aus der Gemeinde. Da sie nicht mehr weiterwusste und glaubte, all ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, nahm Frau Doemges ihren ganzen Mut zusammen und sprach die Gefäßchirurgin an. Sie berichtete von ihrer Geschichte und ihrem Leidensweg. „Alles was die Patientin erzählte war so typisch, dass ich sofort wusste, es kann nur von den Gefäßen kommen“, beschreibt die Medizinerin ihr Gespräch zwischen Kuchen und Kartoffelsalat.

Schnell war ein Untersuchungstermin gefunden und tatsächlich. „Da ist etwas,“ erinnert sich Frau Doemges erleichtert an die Worte der behandelnden Ärztin Frau Hähner, „jetzt müssen wir nur noch finden wo es ist.“ Das Suchen hatte endlich ein Ende und eine zielgerichtete Behandlung war zum Greifen nah. Die Diagnose – Durchblutungsstörungen!

Durchblutungsstörungen in den Beinen kommen ab dem mittleren Lebensalter häufig vor, wenn Risikofaktoren für Gefäßverkalkungen vorliegen. Diese sind der Diabetes mellitus, auch als Zuckerkrankheit bekannt, der Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und vor allem das Rauchen.

Die Verengungen der Beinschlagadern führen typischerweise zu heftigen krampfartigen Schmerzen in den Waden, die nach einer gewissen Gehstrecke auftreten und durch das Stehenbleiben wieder zum Verschwinden gebracht werden können. Daher müssen Patienten mit diesem Leiden immer wieder beim Laufen pausieren. Oft wird diese Pause als das Betrachten von Schaufenstern kaschiert, sodass der Volksmund von „Schaufensterkrankheit“ spricht.

Da ähnliche Beschwerden auch bei chronischen Bandscheiben- oder Wirbelsäulen-leiden auftreten, werden Patienten mit arteriellen Durchblutungsstörungen in den Beinen häufig zuerst orthopädisch oder wirbelsäulenchirurgisch vorstellig. Erschwerend kommt hinzu, dass besonders bei älteren Patienten sowohl ein Verschleiß der Wirbelsäule als auch Gefäßverkalkungen vorliegen.

„In der Regel brauchen Patienten ca. 6 Monate bevor sie zu uns in die Gefäßchirurgie finden“, betont Katrin Hähner, Oberärztin der Gefäßchirurgie und ergänzt: „das Feld der möglichen Ursachen ist groß und meist werden sie zunächst dem orthopädischen Bereich zugeordnet, was zu einer Vielzahl verschiedener Untersuchungen führt und damit zu einem langen oft schmerzhaften Weg für die Betroffenen.“ Umso wichtiger ist eine gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fachdisziplinen, um für jeden Patienten die effektivste Therapie zu finden.

Kurze Engstellen in den Beinschlagadern, die zu Schmerzen beim Laufen führen, können häufig ohne große Operation minimal invasiv behoben werden, indem in örtlicher Betäubung mit einem Ballonkatheter die Verkalkung aufgedehnt wird. Zum dauerhaften Offenhalten wird gelegentlich in gleicher Sitzung auch ein Stent, also eine Gefäßstütze aus feinem Metallgeflecht eingebaut. Bei langstreckigen Verschlüssen der Beinschlagadern kann, falls erforderlich, eine Bypass-Operation helfen, bei der eine Umleitung um den verstopften Gefäßabschnitt gelegt wird.

Ob die Beindurchblutung eingeschränkt ist, kann zuverlässig durch eine Ultraschalluntersuchung festgestellt werden. Der erste Schritt ist dann stets eine medikamentöse Behandlung der Risikofaktoren und die Verordnung von milden Blutverdünnern. Ob zusätzlich noch eine Ballonkatheterbehandlung oder eine Operation erfolgen sollte, ist abhängig von dem Ausmaß der Beschwerden und der dadurch empfundenen Einschränkung und muss immer individuell mit dem Patienten besprochen werden.

Der Gefäßverschluss bei Frau Doemges war kurz und konnte somit durch einen schnellen Eingriff unter örtlicher Betäubung leicht behoben werden. Zwei Tage in stationärer Behandlung, nach fast einem Jahr voller Schmerzen und Ungewissheit. „Ich warte heute noch darauf, dass der Schmerz zurückkommt, aber er kommt nicht! Ich bin mit starken Schmerzen ins Krankenhaus gegangen und kann nun endlich wieder mit meinen Hunden spazieren gehen, nicht nur ein paar Schritte laufen. Der nächste Wanderurlaub mit meinem Mann ist auch schon in Planung. So ein glücklicher Zufall, dass ich ausgerechnet auf dem Weihnachtsbasar meine Rettung fand“, strahlt die passionierte Camperin.

Damit es nicht noch einmal so weit kommt, muss sich Frau Doemges nun noch regelmäßig zur Kontrolle vorstellen. Langen Spaziergängen, Ausflügen und Fahrradtouren steht jetzt allerdings nichts mehr im Wege.