Szene aus "Der zerbrochene Krug", Bild: Westfälisches Landestheater
Szene aus "Der zerbrochene Krug", Bild: Westfälisches Landestheater

Ratingen | Ein Krug, ein nächtlicher Besuch, ein Dorf im Ausnahmezustand – und ein Richter, der sich in seinem eigenen Verfahren verheddert: Am Dienstag, 27. Januar, ist um 20 Uhr Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in der Stadthalle Ratingen (Schützenstraße 1) zu sehen. Auf der Bühne steht eine Inszenierung des Westfälischen Landestheaters (WLT), die den Klassiker ausdrücklich als Stück über Machtmissbrauch und das systematische Verdrehen von Tatsachen liest – ein Thema, das im Zeitalter von „Fake News“ und „alternativen Fakten“ neue Schärfe gewinnt.


Worum geht es?
Im niederländischen Dorf Huisum ist Gerichtstag. Die Witwe Marthe Rull fordert Aufklärung: Ihr wertvoller Krug ist zerbrochen. Angeklagt ist Ruprecht, der Verlobte von Marthes Tochter Eve – er soll nachts in Eves Kammer gewesen sein. Ruprecht jedoch behauptet, er habe einen Eindringling überrascht, der aus dem Fenster sprang und dabei den Krug zertrümmerte. Ausgerechnet an diesem Tag erscheint Dorfrichter Adam sichtbar zugerichtet im Gericht: verletzt, humpelnd, auffällig nervös. Je länger verhandelt wird, desto plausibler wirkt Ruprechts Verdacht: Der Täter sitzt womöglich nicht auf der Anklagebank, sondern am Richtertisch.

Der Reiz der Komödie liegt dabei nicht nur in den grotesken Dorfcharakteren, sondern in der Präzision, mit der Kleist den Mechanismus der Selbstentlastung seziert. Richter Adam biegt Aussagen zurecht, setzt Gerüchte in die Welt, inszeniert „Wahrheiten“ – und nutzt seine Position, um Kontrolle zu behalten. Genau hier setzt die WLT-Lesart an: Was als Farce beginnt, kippt in eine Geschichte über Macht, Lüge und fehlende Verantwortungsübernahme.

Historischer Kontext: Ein Klassiker, der mit einem Misserfolg begann
„Der zerbrochne Krug“ wurde 1808 am Weimarer Hoftheater unter der Leitung von Goethe uraufgeführt und fiel damals durch. Die erste vollständige Druckfassung erschien 1811, in Kleists Todesjahr. Heute gilt das Stück als eine der meistgespielten deutschen Komödien.

Kleist heute relevant ?
Kleists Werk ist mehr als Pflichtstoff: Seine Texte sind Studien darüber, wie Gesellschaften funktionieren, wenn Regeln zwar gelten sollen, Macht sie aber biegt. In „Der zerbrochne Krug“ ist das fast mustergültig: Recht entsteht nicht allein aus Paragraphen, sondern braucht Kontrolle, Transparenz und Korrekturmöglichkeiten. Erst die externe Aufsicht verhindert, dass Dorfrichter Adam das Verfahren wie gewohnt manipuliert. Das ist ein aktueller Gedanke – ob man an unabhängige Aufsicht, investigative Öffentlichkeit oder funktionierende Institutionen denkt.

Zugleich zeigt Kleist, wie „Wahrheit“ sozial hergestellt wird: durch Erzählungen, Gruppendruck, Scham, Loyalitäten – und durch diejenigen, die Deutungshoheit besitzen. In einer Gegenwart, in der Desinformation Vertrauen zersetzt, wirkt Richter Adam wie eine frühe Studie über strategische Kommunikation: Nicht die beste Begründung setzt sich durch, sondern oft die machtvollste oder die am geschicktesten konstruierte Version.

Tickets und Anreise
Eintrittskarten gibt es ab 19 Euro im Ticketbüro des Kulturamts (Minoritenstraße 2–6), an bekannten Vorverkaufsstellen sowie online. Reservierungen nimmt das Kulturamt telefonisch unter 02102 550-4104 und 02102 550-4105 entgegen. Laut Ankündigung enthält jedes Ticket für Kulturveranstaltungen des Kulturamts außerdem ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr im VRR, gültig für Hin- und Rückfahrt am Veranstaltungstag.