Ratingen | Manchmal merkt ein Ort erst, was er an sich hat, wenn das Licht hinter der Theke zu früh ausgeht. Die Boltenburg – für viele schlicht „die Bolte“ – ist so ein Ort. Kein austauschbares Lokal, sondern ein Stück Hösel, das nach Jahren, Gesichtern, Geschichten riecht: nach Feierabendbier, nach Vereinsabenden, nach dem kurzen „Komm, wir setzen uns noch eben“, aus dem dann zwei Stunden werden. In seinem Aufruf nennt Edzard Traumann (Kulturkreis Hösel) die Bolte einen soziokulturellen Treffpunkt, an dem Generationen zusammenkamen – zum Feiern und zum Trauern, nach dem Training, nach Versammlungen, bei Stammtischen von Vereinen und Parteien. Nach Aussagen des Betreibers soll Ende Februar 2026 Schluss sein.
Wer heute durch Hösel geht, spürt: Das Angebot hat sich verändert – und nicht nur ein bisschen. Früher waren Kneipen, Einkehr-Stuben und Restaurants wie kleine Wärmelampen im Alltag: Orte, an denen man nicht „hinmusste“, sondern einfach landen konnte. Eine Erinnerungsaufzählung aus der Bürgerschaft nennt für die 1960er-Jahre eine beeindruckende Dichte: Bahnhofsgaststätte, Höseler Tor, Pannschoppen, Müschenau, „Zur Eule“, „Am Anker“, Blockhäuschen, (Di)ckelsmühle, Georgenhof, Kastanie, Spindeck und weitere. Manche Namen sind heute nur noch Erzählung – aber mehrere Stationen sind historisch greifbar und machen den Wandel sichtbar.
So war das Höseler Tor früher als Gaststätte Rademacher bekannt; die lokale Zeitschrift „vorOrt Hösel & Eggerscheidt“ hält fest, dass es 1983 abgerissen wurde. Der Nofenhof „In den Höfen“, „auch bekannt als Zur alten Kastanie“, erinnert sogar an einen Gemeindebackofen – ein Treffpunkt aus einer Zeit, in der Gemeinschaft nicht geplant, sondern gelebt wurde. Der Heimatverein verzeichnet die Gaststätte „Zum hohlen Weg“ (Sinkesbruch 18) als Teil des lokalen Gedächtnisses. Und in städtischen Unterlagen taucht die ehemalige Gaststätte „Am Anker“ (Eggerscheidter Straße 52) auf – nicht als Denkmal, aber als erhaltenswerter Bestand, dessen Sicherung begründet wurde.
Natürlich ist nicht alles „früher war alles besser“. Ein Teil dieses Rückgangs ist schlicht der moderne Zeitgeist: engere Taktung, andere Freizeit, andere Ansprüche, wirtschaftlicher Druck. Und ein anderer Teil ist leiser, aber tiefgreifend: Kommunikation hat sich verlagert. Vieles, was früher am Tresen, am Tisch oder vor der Tür besprochen wurde, wandert heute in Chats, in Gruppen, auf Displays. Das ist bequem, schnell, effizient. Aber es ist nicht dasselbe.
Denn es gibt Gespräche, die brauchen Nähe. Man kann sie nicht „wegwischen“. Man erkennt sie am stockenden Satz, am Blick, der kurz ausweicht, am plötzlichen Lachen, das mehr sagt als jeder Text. Gefühle trägt man immer noch persönlich aus – ein Emoticon kann kein echtes Lächeln ersetzen. Und genau deshalb sind Orte wie die Bolte mehr als Gastronomie: Sie sind Bühne und Puffer, Ventil und Anker. Ein Ort, an dem man sich nicht nur informiert, sondern gegenseitig aushält. Ein Ort, an dem Hösel nicht nur ein Stadtteil ist, sondern ein „Wir“.
Ja, Hösel hat weiterhin Essen und Trinken: Das Venezia Ristorante/Pizzeria ist da. Auch das Restaurant „Zum Jakob“ (In den Höfen 35) gehört zum Angebot. Dazu kommen Derman Grill und Fast12Kitchen sowie die Raststätte Hösel an der A3 und die Gastronomie im Golfclub – wichtige Orte für die kulinarische Grundversorgung, für Abholung, Lieferung, schnellen Imbiss oder Durchreise. Aber sie sind in ihrer Funktion meist nicht die klassischen Treffpunkte, an denen man „mal eben“ vorbeischaut, hängen bleibt, zuhört, weitererzählt und damit das örtliche Lokalkolorit am Leben hält.
Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Was soll Hösel künftig sein? Ein Ort, in dem man gut versorgt wird – oder auch ein Ort, in dem man sich kennt, begegnet, streitet, lacht und wieder zusammenfindet? Ein Ort der nicht nur Heimat ist, sondern gelebtes Miteinander.
Gerade deshalb ist jetzt nicht die Zeit für Schulterzucken. Jetzt sind die Höseler gefragt. Denn was einmal weg ist, kommt in der Regel nicht wieder: Ist der Treffpunkt erst verschwunden, zerstreuen sich die Wege, vereinzeln sich die Gewohnheiten – und irgendwann wundert man sich, warum „früher“ alles näher schien. Die Chance, etwas zu bewahren, ist selten. Sie liegt nicht in nostalgischen Parolen, sondern in konkreten Schritten: Ideen sammeln, Initiativen unterstützen, Konzepte möglich machen, Verantwortung teilen.
Vielleicht ist das die Hoffnung, die in dieser Reminiszenz steckt: Dass Hösel nicht nur über den Verlust spricht, sondern über den Mut, etwas zu halten. Nicht, weil die Bolte „von gestern“ wäre – sondern weil ein Stadtteil ohne Orte der Begegnung irgendwann nicht mehr weiß, wie sich Gemeinschaft anfühlt.

