Ratingen | Der Marktplatz wirkt wie aus der Zeit gefallen. Kein Stimmengewirr vor den Cafés, kein Klacken von Schritten auf dem Pflaster – nur Regen, der dünne Rinnsale über die Steine zieht. Und dieses unruhige Blitzen: Blaulicht, tausendfach gebrochen in den regennassen Gassen, das von den Einsatzfahrzeugen an den Zufahrten in die Innenstadt zurückgeworfen wird. Dort stehen sie Stoßstange an Stoßstange, sperren ab, sichern, lassen niemanden mehr hinein. Hinter den Absperrbändern ist die Stadt leer – und genau jetzt beginnt die entscheidende Arbeit.
Um 20:52 Uhr kommt die Meldung: Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat mit der Entschärfung begonnen.
Was tagsüber noch nach Routine klang, hat sich bis in den Abend hinein zu einem Ausnahmezustand verdichtet. An der Angerstraße hatten Bodensondierungen den Verdacht bestätigt: Ein amerikanischer Fünf-Zentner-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, mit Kopf- und Heckzünder.
Schon am Nachmittag rollt die Maschinerie an: Ordnungsamt und Einsatzkräfte gehen Haus für Haus, kontrollieren Wohnungen und Gebäude, während Straßen in der Grenzzone nach und nach dichtgemacht werden.
Ursprünglich sollte der Bereich bis 17:00 Uhr geräumt sein. Doch im Verlauf des Einsatzes wird der Zeitpunkt aus organisatorischen Gründen auf 18:00 Uhr verschoben – für die rund 3.200 betroffenen Menschen bedeutet das: länger warten, länger Ungewissheit.
Wer nicht bei Freunden oder Familie unterkommt, findet in der Stadthalle eine Anlaufstelle – ein Ort, an dem es warm ist, an dem Kaffee ausgeschenkt wird, an dem sich Fragen stauen, die niemand in Minuten beantworten kann: Wie lange dauert das? Wann dürfen wir zurück?
Draußen dagegen regiert das Absperrband. Marktplatz, Wallstraße, Teile der Bahnstraße – die Innenstadt wird zur Sicherheitszone. Einsatzfahrzeuge stehen an den Knotenpunkten, Funkgeräte knistern, Motoren laufen im Stand, damit Wärme bleibt und Technik zuverlässig arbeitet. Und über allem liegt diese besondere, gespenstige Ruhe einer Stadt, die sonst auch am Abend noch lebt.
Als die Entschärfer schließlich Hand anlegen, ist längst alles darauf ausgerichtet, dass wirklich niemand mehr im Radius ist. Denn erst dann darf die Arbeit beginnen – Zentimeter für Zentimeter, Handgriff für Handgriff, mit dem Wissen, dass hier alte Kriegsreste jederzeit wieder brandgefährlich werden können.
Dann, fast eine Stunde später, die Nachricht, auf die alle gewartet haben: Um 21:50 Uhr teilt die Stadt mit, die Bombe sei erfolgreich entschärft. Entwarnung. Die Menschen dürfen zurück in ihre Wohnungen, die Straßensperren werden aufgehoben.
Und langsam kehrt das Leben zurück in die Gassen. Erst zögerlich, dann in kleinen Wellen: Haustüren, die aufgehen, Stimmen auf dem Bürgersteig, Autos, die wieder rollen dürfen. Die Blaulichter verschwinden – und mit ihnen die unwirkliche Kulisse einer Innenstadt, die für ein paar Stunden zur menschenleeren Bühne eines hochriskanten Einsatzes geworden war.

