Ratingen | Wer dieser Tage über „Vereinsmüdigkeit“ klagt, hätte gestern Abend (7.Februar 2026)
einfach mal in den Spiegelsaal des Ratinger Brauhauses kommen sollen: Bei der 1. KG-Sitzung der 1. KG Grün‑Weiß Ratinger Spiesratze 1928 e.V. war davon wenig zu spüren – im Gegenteil. Der Saal war mit rund 180 Plätzen voll besetzt, die Stimmung warm, laut und herzlich. Und genau das ist es, was viele mit den „Spiesratzen“ verbinden: Karneval nicht als Pflichttermin, sondern als gelebtes Miteinander.
Tradition leben
Dass dieser Verein Tradition kann, ist kein Werbespruch, sondern Datenlage: Schon im Namen steht das Gründungsjahr 1928 – und auch in der Übersicht des Karnevalsausschusses werden die Spiesratzen als ältester Ratinger Karnevalsverein geführt.
Und trotzdem wirkte der Abend alles andere als „museal“. Eher wie ein Verein, der nach einer durchschrittenen Talsohle wieder Luft holt – und zwar hörbar.
Man merkte: Da ist neuer Wind in den Reihen der Aktiven. Herzlichkeit, Kameradschaft, Hilfsbereitschaft – und dieser feste Wille, gemeinsam zu feiern, der Karneval erst zu dem macht, was er sein soll. Nicht nur die gestiegenen Mitgliederzahlen sind spürbar, sondern vor allem das Engagement: überall helfende Hände, klare Abläufe, ein Programm, das wie aus einem Guss wirkte.
Ein sichtbares Aushängeschild dafür ist die Tanzgarde: Sobald die jungen Tänzerinnen – von „unter zehn“ bis „noch keine 25“ – die Bühne betreten, ist der Raum plötzlich größer. Wirbelnde Formationen, präzise Schritte, karnevalistische Rhythmen – und dieses ansteckende Strahlen, das selbst den skeptischsten „Ich bleib heute nur auf ein Bier“-Gast zuverlässig entwaffnet. Es war die Sorte Auftritt, bei der man merkt: Hier wird nicht nur getanzt, hier wird Verein gelebt.
Dirk Poensgen, einer der Söhne des im vergangenen Jahr verstorbenen Hans-Willi Poensgen, dem Grün-Weiß besonders am Herzen lag, hatte an diesem Abend nicht nur seinen professionellen Blick kontrollierend auf das gastronomische Geschehen gerichtet sondern auch auf die vielen bekannten Gesichter des Ratinger Karnevals, die an ihm vorüberzogen . Und weil Karneval in Ratingen eben auch Heimatgefühl ist, passte es, dass an diesem Abend sicher das eine oder andere „Ratinger Alt“ auf Hans Willis Gedenken gehoben wurde – jenes Bier, das es „nur hier“ gibt und das als Brauhaus-Aushängeschild für ganz Ratingen gilt.
Feiern und gefeiert werden
Und dann kam das, was einen Sitzungssaal endgültig zum Hexenkessel macht: Unterhaltung, die nicht nur abliefert, sondern Funken schlägt. „Frank, der Entertainer mit zwei Identitäten“ servierte eine Mischung aus Gesang, Comedy und Bütt – so treffsicher, dass der karnevalistische Funke spürbar bis in die letzte Reihe sprang. Kurz danach folgte ein herrlich durchgeknallter Programmpunkt: verfolgt von seiner eigenen Intelligenz, die ihn angeblich nie einholen wird, weil er schneller sei – während im Saal längst klar war, dass der eigentliche Überschall von seiner mitreißenden Performance kam. Spätestens beim Medley aus Schlagern und Karnevalsliedern war aus dem Publikum eine brodelnde Feiergemeinschaft geworden.
Natürlich durfte der obligatorische Besuch der Tollitäten nicht fehlen. Prinz Jörg I. und seine Ratingia Claudia III. nebst Gefolge und auch das Kinderprinzenpaar des RaKiKa, Johannes I. und Emma I. gaben sich die Ehre und 4 Zentner Frohsinn und Narretei an die Besucher weiter. Als später Frank I. Groten und Sabine I. Kleinrahm – das Prinzenpaar der letzten Session – zur verdienten Ordensverleihung auf die Bühne kamen, bekam der Abend einen dieser seltenen „Gänsehaut-Momente“.
In seiner Ansprache bedankte sich Frank Groten besonders bei den Grün-Weißen für ihr Engagement fürs Winterbrauchtum. Er habe sich „immer herzlich aufgenommen“ und auf besondere Weise getragen gefühlt, wenn er mit den Spiesratzen unterwegs war – deren Herzlichkeit sei immer sofort spürbar. Im Saal nickten viele, unabhängig von der „karnevalistischen Farbe“. Ein paar Tränchen inklusive.
So verflog zum Ende des Abends auch jede Rest-Pathetik: Es wurde laut, fetzig und ausgelassen weitergefeiert – mit dem guten Gefühl, dass die „heiße Phase“ des Straßenkarnevals kommen kann. Wenn man wissen will, wie Karneval sich anfühlen sollte, dann lautet die Antwort nach diesem Abend ziemlich schlicht: „Wie bei den Spiesratzen“.
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