
Ratingen | „Auftakt, nicht Abschluss“, dieser Satz zog sich wie ein Leitmotiv durch den Abend in der Stadthalle. Beim ersten „Runden Tisch gegen Einsamkeit“ machte das Organisationsteam gleich zu Beginn klar, worum es geht: nicht um ein einmaliges Signal, sondern um einen Startpunkt, dessen Ergebnisse dokumentiert, ausgewertet und in eine tragfähige Strategie für Ratingen übersetzt werden sollen. Entsprechend fiel auch der Appell aus, den viele im Saal mitnahmen: offen bleiben, konkret werden, mutig sein, denn Innovation entsteht oft aus ersten Bündnissen, und Gemeinschaft ist kein Zustand, sondern aktive Praxis.
Die Stadt hatte zur Auftaktveranstaltung am 26. Februar 2026 in die Stadthalle Ratingen eingeladen. Im Mittelpunkt stand ein Format, das bewusst keine klassische Gesprächsrunde mit wenigen Stimmen sein wollte. Stattdessen gab es nach der Begrüßung durch den ersten Beigeordneten und Sozialdezernenten Harald Filip eine kurze Einführung in die gewünschte Diskussionskultur, danach folgte ein Workshopaufbau mit „World Café“.
Den inhaltlichen Rahmen setzte der Impulsvortrag von Prof. Dr. Susanne Bücker, die Einsamkeit psychologisch als subjektiv erlebte Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen beschrieb, vor allem mit Blick auf deren Qualität. Sie unterschied verschiedene Formen, etwa soziale, emotionale und kollektive Einsamkeit, bei Kindern und Jugendlichen zusätzlich peer- und elternbezogene Einsamkeit. Ein wichtiger Punkt war dabei, dass Einsamkeit von außen häufig kaum erkennbar ist, und Betroffene sich nicht selten als „anders“ wahrnehmen. Ihr Vorschlag an den Raum war entsprechend pragmatisch: bewusst Gemeinsamkeiten wahrnehmen, um die Schwelle in Kontakt zu kommen zu senken.
Bücker skizzierte Einsamkeit auch als „soziales Thermostat“, das grundsätzlich zur Kontaktaufnahme motivieren kann, bei Chronifizierung jedoch gesundheitlich riskant wird. Genannt wurden mögliche negative Folgen und Risikozusammenhänge, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz bis zu geringerem Bildungserfolg, antidemokratischen Einstellungen und einer geringeren Lebenserwartung. Einsamkeit betreffe alle Altersgruppen, besonders deutlich sei sie aber bei Jugendlichen, zudem habe sie während und nach der Pandemie zugenommen. Als vulnerable Gruppen nannte sie unter anderem Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status, Behinderungen, chronischen Erkrankungen, Migrationsgeschichte, junge Eltern, Alleinerziehende sowie pflegende Angehörige. Gleichzeitig betonte sie, dass Prävention nicht allein psychologisch gedacht werden dürfe, sondern auch über Strukturen vor Ort funktioniere, etwa niedrigschwellige und barrierefreie Begegnungsorte, kurze Wege, grüne Räume, Infrastruktur und ein lebendiges Vereinsleben.
Im „World Café“ wurde es anschließend konkret. In zwei Diskussionsphasen arbeiteten die Teilnehmenden an fünf Leitfragen, die an Stellwänden im Saal verteilt waren: Wie kommen mehr Menschen zu neuen und bestehenden Angeboten, welche neuen Ideen lassen sich umsetzen, in welchen Situationen begegnet einem Einsamkeit, wie werden Angebote bekannter, und welche Gründe für Einsamkeit sehen die Beteiligten aus ihren Perspektiven. Entscheidend war dabei die Arbeitsweise, Ideen und Beobachtungen sollten schriftlich festgehalten werden, damit sie in die Dokumentation einfließen. Nach den Runden gab es eine Pause mit Imbiss, die sich fast automatisch als Netzwerkzeit nutzte, genau das, was der Abend erreichen wollte.
Als nächste Schritte stehen nun die Dokumentation und Auswertung der Ergebnisse im Vordergrund, verbunden mit der Einladung, weiter mitzuarbeiten, etwa in Arbeits- oder Projektgruppen. Auch die Aufbereitung der Folien, Kontaktdaten und Hinweise auf weiterführende Ressourcen wie das Kompetenznetz Einsamkeit wurden als sinnvolle Anschlussaufgaben benannt. Der Auftakt ist gemacht, jetzt entscheidet die Kontinuität, ob aus vielen guten Einfällen ein gemeinsamer Kurs wird.
