Dr. Paul Dostal, Leiter des Regionalen Klimabüros Essen beim Deutschen Wetterdienst, Bild: Alexander Heinz
Dr. Paul Dostal, Leiter des Regionalen Klimabüros Essen beim Deutschen Wetterdienst, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Im Angersaal der Stadthalle war am vergangenen Dienstag nicht nur Fachwissen zu hören, sondern auch Frust. Frust darüber, dass in Ratingen seit Jahren kluge Konzepte, richtige Analysen und warnende Vorträge vorhanden sind, der Schritt vom Erkennen zum Handeln aber immer noch erstaunlich klein ausfällt. Genau das war die Stimmung, die viele Wortbeiträge im Klimabeirat prägte, und genau deshalb wirkt die jetzt erweiterte Förderung für Dach- und Fassadenbegrünung zugleich richtig und unvollständig.


Denn selbstverständlich ist das neue Programm sinnvoll. Die Stadt fördert seit dem 12. März 2026 nicht mehr nur Dachbegrünungen, sondern auch Fassadenbegrünungen sowie zusätzliche Biodiversitätsbausteine wie Blühflächen, Nistplätze oder Totholzstrukturen. Die Zuschüsse wurden erhöht, das Jahresbudget beträgt weiterhin 50.000 Euro. Begrünte Dächer und Fassaden verbessern das Mikroklima, speichern Regenwasser, dämmen Gebäude und schaffen Lebensräume, also genau das, was in aufgeheizten Städten gebraucht wird.

Nur bleibt die Frage, die in Ratingen immer wieder gestellt wird: Warum predigt man Begrünung den Bürgern, während ausgerechnet am neuen Rathaus und auf dem Platz davor weiterhin viel Stein, viel Härte und viel Hitze das Bild bestimmen? Dass dieses Thema die Stadt seit Monaten begleitet, ist unbestritten. Im Rat lagen Ende 2024 sowohl ein CDU-Antrag zur Begrünung des Rathausvorplatzes als auch ein Antrag der Grünen zur Umgestaltung des Rathausplatzes auf dem Tisch. Getan hat sich seit dem nichts.

Vor diesem Hintergrund bekam die gestrige Sitzung zusätzliches Gewicht. Das Thema „Klima im Wandel in der Stadt – Erkenntnisse und Strategien gegen die urbane Hitze“. Referent war Dr. Paul Dostal, Leiter des Regionalen Klimabüros Essen beim Deutschen Wetterdienst. Schon die Einladung zur Sitzung machte klar, worum es geht: Städte überhitzen durch Versiegelung, Beton, Asphalt, zu wenig Vegetation und dichte Bebauung, und besonders belastet werden dadurch vulnerable Gruppen wie Kinder, ältere und kranke Menschen. Der Fokus des Abends lag auf einer hitzefesten Ausgestaltung der geplanten umfangreichen Investitionen in Kitas und Schulen, besonders auch vor dem Hintergrund noch wärmer werdender Sommer und intensiverer Hitzeperioden. Gegenwärtige Baunormen basieren auf Klimadaten aus der Vergangenheit, sie bilden weder die Gegenwart und schon gar nicht die Sommer der kommenden Jahrzehnte ab.

Wer in den vergangenen Monaten zuhören wollte, konnte diese Warnungen ohnehin kaum überhören. Bereits im November hatte Sven Plöger beim Jubiläumsvortrag zum 25-jährigen Bestehen des Ratinger Klimabeirats in der Stadthalle den Kern des Problems in einen Satz verdichtet: Nicht das Wissen fehle, sondern das Handeln. Im offiziellen Programmtext heißt es dazu unmissverständlich, wir erlebten heute die Dinge, die die Wissenschaft seit rund 40 Jahren angekündigt habe, und deshalb gelte: „Wir haben kein Wissens-, sondern ein Handlungsproblem!“

Dass dieser Satz nun über der Sitzung vom 17. März zu schweben schien, passt nur allzu gut. Der Vorsitzende des Klimabeirats, Ulrich Otte, unterbrach zunächst mit einer Gedenkminute an Edith Feltgen, die Mitgründerin des Gremiums. Die Stadt hatte Edith Feltgen bereits 2024 ausdrücklich als inspirierendes Beispiel und prägende Kraft des Klimabeirats gewürdigt. Ebenso öffentlich formuliert ist Ottes Grundhaltung: Konzepte für Klimaschutz und Klimafolgenanpassung seien das eine, ihre konsequente Anwendung im städtischen Planen und Handeln das andere, und genau dort gebe es wie auch Edith Feltgen nicht müde wurde zu sagen: „noch Potenzial nach oben“.

Im Angersaal klang das, folgt man den vielen Wortmeldungen, offenbar noch schärfer. Da war nicht nur der Respekt vor der fachlich fundierten Darstellung zur urbanen Hitze. Da war auch der deutlich spürbare Ärger darüber, dass Politik in Ratingen beim Klima oft zwei Gesichter zeigt: lobende Worte für das Engagement des Klimabeirats auf der einen Seite, bemerkenswerte Kreativität beim Erfinden von Gründen, warum etwas angeblich nicht geht, auf der anderen. Man kennt dieses Muster inzwischen. Es wird gewürdigt, gemahnt, vertagt, relativiert, geprüft und abgewogen, bis aus einer drängenden Notwendigkeit wieder ein späteres Vielleicht geworden ist.

Gerade deshalb wird der Ruf nach einer Vergrünung des neuen Rathauses und des davorliegenden Platzes in Ratingen so beharrlich wiederholt. Nicht als Dekorationsfrage, nicht als modischer Einfall, sondern als Test der Glaubwürdigkeit. Wer Klimafolgenanpassung ernst meint, muss sie dort sichtbar machen, wo die Stadt sich selbst zeigt. Wenn selbst dieser zentrale Ort nicht stärker begrünt, beschattet und klimaangepasst gedacht wird, dann darf man sich über den Verdacht nicht wundern, dass in Ratingen noch immer lieber über das Machbare gesprochen wird, als es einfach zu machen.

Für viele Stimmen aus dem Angersaal war genau das gestern der Punkt: Erkenntnis ist längst vorhanden. Warnungen gab es genug. Fachliche Begründungen ebenso. Was fehlt, ist nicht die nächste Ausrede, sondern der nächste Baum.