Demo gegen Rechts bei einer AfD Veranstaltung in Ratingen, Bild: Alexander Heinz
Demo gegen Rechts bei einer AfD Veranstaltung in Ratingen, Bild: Alexander Heinz

Ratingen | Was sich derzeit rund um die Ratinger Jonges abspielt, ist längst mehr als eine Debatte über eine falsche Aufnahmeentscheidung. Es ist ein Lehrstück darüber, wie in aufgeheizten Zeiten öffentliche Empörung, politische Interessen und moralische Selbstgewissheit zusammenwirken, bis für Differenzierung kaum noch Platz bleibt.


Ja, ein Verein kann Fehler machen. Ja, ein Vorstand kann sich verschätzen. Aber genau dafür gibt es Satzung, Verfahren, interne Debatte und Mitgliederversammlung. Wer all das durch öffentlichen Druck ersetzt, will keine Klärung mehr, sondern ein Urteil. Und genau dieser Eindruck drängt sich hier auf.

Der öffentlichkeitswirksame Austritt eines prominenten Mitglieds hat den Ton gesetzt. Von diesem Moment an stand der Verein nicht mehr vor einer offenen Diskussion, sondern unter einem moralischen Anfangsverdacht. Die erste Deutung war gesetzt, der Rest durfte nur noch reagieren. Was danach vom Vorstand vorgetragen wurde, konnte kaum noch als legitime, vielleicht auch unbequeme, aber rechtlich und vereinsintern begründete Sicht wahrgenommen werden. Es galt bereits als Ausrede, als Schadensbegrenzung, als Mangel an Haltung.

Das ist das eigentliche Problem. Denn es ist ohnehin schwer genug, in einem Verein viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen politischen, weltanschaulichen und persönlichen Ansichten unter einen Hut zu bringen. Genau deshalb schließen sich Menschen in Heimatvereinen, Brauchtumsvereinen und anderen Gemeinschaften ja oft auf der Grundlage zusammen, dass sie gemeinsame nichtpolitische Ziele verfolgen wollen. Sie wollen Stadtgeschichte pflegen, Heimat bewahren, Gemeinschaft leben, Veranstaltungen tragen, Traditionen erhalten. Sie wollen gerade nicht jede Begegnung sofort unter den Vorbehalt parteipolitischer Lagerzuordnung stellen.

Wenn aber ein solcher Verein, der sich politische Neutralität auferlegt, von außen politisch unter Druck gesetzt wird, dann ist das schon fragwürdig genug. Wenn dieser Druck dann auch noch im Gewand moralischer und ethischer Tugend auftritt, wird es unerquicklich. Denn dann wird nicht mehr nur gestritten, dann wird überhöht. Dann erklären sich politische Akteure oder medienwirksame Stimmen zu Instanzen sittlicher Letztbeurteilung, während der Verein selbst nur noch die Rolle des Angeklagten spielt.

Genau darin liegt der Hohn der ganzen Angelegenheit. Ein Verein soll unpolitisch, offen und integrativ sein, aber sobald seine Entscheidung nicht in das gewünschte politische Raster passt, wird er mit maximaler politischer Wucht bearbeitet. Nicht trotz moralischer Sprache, sondern gerade durch sie. Die Botschaft lautet dann: Neutralität gilt nur so lange, wie sie zu den eigenen politischen Erwartungen passt. Tut sie das nicht, wird Neutralität plötzlich als Feigheit, fehlende Haltung oder stillschweigende Komplizenschaft umgedeutet.

Das ist keine faire Debattenkultur. Das ist öffentlicher Gesinnungsdruck.

Dabei ist die Lage keineswegs so schlicht, wie sie in empörten Stellungnahmen gern dargestellt wird. Wer sich an Satzung, Recht und vereinsinterne Verfahren gebunden fühlt, handelt nicht automatisch charakterlos. Wer darauf verweist, dass zwischen einer Partei, einer Person und konkreten extremistischen Aussagen unterschieden werden muss, betreibt nicht zwangsläufig Verharmlosung. Und wer als Vorstand zunächst ringt, abwägt, vielleicht auch zu spät erkennt, welche Signalwirkung eine Entscheidung entfaltet, ist noch lange nicht automatisch moralisch bankrott.

Man kann all das kritisieren. Man kann es falsch finden. Man kann auch zu dem Ergebnis kommen, dass der Vorstand politisch blind oder kommunikativ ungeschickt gehandelt hat. Aber was man nicht tun sollte, ist die gesamte vereinsinterne Wirklichkeit von Anfang an unter das Diktat eines bereits gefällten öffentlichen Urteils stellen.

Die Ratinger Jonges sind deshalb in dieser Affäre nicht nur Akteur, sondern auch Beispiel. Beispiel dafür, wie schnell in Deutschland heute interne Konflikte zu öffentlichen Tribunalen werden. Beispiel dafür, wie moralische Sprache genutzt wird, um Druck zu erhöhen. Und Beispiel dafür, wie schwer es geworden ist, zwischen rechtlicher Korrektheit, persönlicher Haltung und politischer Erwartung überhaupt noch einen Raum für ruhige Auseinandersetzung zu behaupten.

Am Ende bleibt eine einfache Frage: Wollen wir noch Vereine, die ihre Angelegenheiten nach Regeln, Gesprächen und Abstimmungen klären? Oder wollen wir nur noch Körperschaften, die sich beim ersten medialen Donnern sofort der lautesten moralischen Forderung unterwerfen?

Die Antwort darauf reicht weit über die Ratinger Jonges hinaus.