
Ratingen | Zwischen Dauerbeschallung, schnellen Bildern und der ständigen Taktung des Alltags kann ein Theaterabend auch wie ein kleines Innehalten wirken. Genau als solches Intermezzo kann in diesen Tagen mit „Messer in Hennen“ von David Harrower gesehen werden. Im evangelischen Gemeindehaus in Hösel, wo das Kleine Theater Nebenan das düstere, poetische Stück auf die Bühne bringt stehen nach der Premiere am Freitag 10.04. noch weitere Aufführungen an. Gespielt wird die Inszenierung mit Luisa Sander, Tim Vanwersch und Lucas Bröckling. Michael Schäfer führt Regie, für Bühne und Kostüm zeichnet Miriam Möller-Wieland verantwortlich. Weitere Aufführungen sind am 16./ 17. und 18. April jeweils um 19:30 Uhr.
Schäfer legt in seiner Deutung spürbar Gewicht auf das, was das Stück im Kern ausmacht: Sprache als Weg zur Selbstermächtigung, und jene Gewalt, die entsteht, wenn festgefügte Ordnungen ins Wanken geraten. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, gespielt von Luisa Sander, die in einer kargen, archaisch wirkenden Welt zunächst kaum über sich selbst hinausdenken kann. Ihr gegenüber steht ihr Ehemann, der Bauer William, verkörpert von Tim Vanwersch, ein Mann der Arbeit, der Regeln und der groben Gewissheiten. Der dritte im Bunde ist der Müller Gilbert, gespielt von Lucas Bröckling, ein Außenseiter, Denker und Verführer, der der jungen Frau einen neuen Zugang zur Sprache und damit auch zu sich selbst eröffnet. Das Bühnenbild ist angenehm übersichtlich und karg, gerade dadurch aber wirkungsvoll. Der Wechsel zwischen Mühle, Weg und Bauernhaus gelingt schlüssig über das wiederholte Durchschreiten eines mittig aufgestellten Türrahmens. Auch der Mühlstein und der nur angedeutete Viehstall fügen sich stimmig in diese reduzierte Szenerie ein. Nichts ist überladen, alles bleibt auf den inneren Konflikt der Figuren konzentriert.
Gerade darin lag auch die Stärke des Abends nach der Premiere. Das Stück verlangte Aufmerksamkeit, entzog sich jeder schnellen Reizlogik und wirkte damit beinahe wie ein Gegenentwurf zum medialen Massenkonsum. Es war kein lautes Theater, sondern eines, das seine Wirkung aus Sprache, Pausen und Blicken bezog. Ein Satz bringt den Erkenntnismoment der jungen Frau dabei besonders nah an den Zuschauer heran: Küssen, heißt es einmal, sei „der einzige Zauber, den er kennt“. In dieser Welt ist Zauber eben nicht Magie, sondern das plötzliche Verstehen, dass Gedanken teilbar werden, wenn man Worte für sie findet.
So wurde der Abend in Hösel zu einem stillen, eindringlichen Theatererlebnis, das nicht auf schnellen Effekt setzte, sondern auf Nachhall. Das Kleine Theater Nebenan bereitet bereits jetzt die nächsten Inszenierungen vor um ab dem 8.5. wieder Menschen in den Bann eines kleinen aber abwechslungsreichen Kammertheaters zu entführen. Dann auf der Bühne im Medienzentrum in Stadtmitte. Weitere Informationen: kleines-theater-nebenan.de
