
Mönchengladbach (dpa) – Schon als Rainer Bonhof zu weinen anfing, war klar, dass dies eine bemerkenswerte Jahreshauptversammlung bei Borussia Mönchengladbach werden würde. Der taumelnde Fußball-Bundesligist ist im Aufruhr. Vorbei scheint die Zeit der Harmonie; am Montagabend war die Bühne frei für offene und harte Kritik am Präsidenten Bonhof, der Vereinsführung, an Trainer Eugen Polanski und für überraschende Emotionen.
«Herr Bonhof, Sie stehen nicht für die Zukunft, Sie stehen für die Historie», schleuderte ein aufgebrachtes Mitglied der Vereins-Ikone entgegen. Ein anderes fragte direkt, ob der 74-Jährige gedenke, im kommenden Jahr noch einmal zur Wahl des Vereinspräsidenten anzutreten. Sichtlich geknickt und gezeichnet von sehr viel Gegenwind sagte Bonhof erst auf erneute Nachfrage kleinlaut: «Ich denke aktuell schon, noch einmal den Finger zu heben, ja.»
Misstrauensvotum der Ultras gegen Präsidium um Bonhof
Im Umfeld scheint nicht jeder begeistert davon. Die Ultras hatten schon vor der Veranstaltung des Tabellen-Elften, der drei Spieltage vor dem Saisonende den Klassenverbleib noch nicht sicher hat, Flugblätter verteilt. Darin wurde offen die Ablösung des aktuellen Präsidiums um die Vereinslegenden Bonhof, Uwe Kamps und die frühere NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gefordert. Ob dies bereits zu viel war für Bonhof, ist Spekulation.
Zu Beginn der Veranstaltung trat der Weltmeister von 1974 aufgewühlt und mit brüchiger Stimme an Podium, sprach von einem «Scheißjahr» und brach in Tränen aus. «Ich dachte, wir seien stabiler.» Den sportlichen Niedergang des früheren Spitzenclubs lasten Fans und Mitglieder offenbar vor allem auch Bonhof und der Vereinsführung an. «Wo sind die Ambitionen? Hier passiert gar nichts in diesem Laden. Sie geben sich mit Plätzen zufrieden, die Borussia Mönchengladbach nicht widerspiegeln», sagte ein aufgebrachtes Mitglied.
«Wo sind die Ambitionen?»
Geschäftsführer Stefan Stegemann, der zum zweiten Mal am Stück einen Jahresverlust in Höhe von diesmal knapp vier Millionen Euro verkünden musste, entgegnete entschieden: «Die sportliche Entwicklung, die wir uns alle wünschen, die ist nicht sichtbar. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Es kann uns nicht zufriedenstellen, jedes Jahr gegen den Abstieg zu spielen.»
Unter dem Eindruck der Mitgliederversammlung dürfte spannend werden, was nun im Sommer passiert, auch wenn die Gladbacher die Klasse halten. Trainer Polanski, der das Team nach der Trennung von Gerardo Seoane im vergangenen Herbst in größter Not übernommen hatte, könnte selbst im Fall der wahrscheinlichen Rettung gehen müssen. Sein vor den Mitgliedern vorgetragenes Mantra, dass in der kommenden Saison alles besser werde, wurde nicht goutiert. «Hauptziel ist es, in der Liga zu bleiben. Dann bin ich voller Tatendrang, gewisse Dinge zu ändern», sagte Polanski und erntete Raunen. Auch im Club selbst scheint es Zweifel daran zu geben.
Aufsichtsratschef hat «die Schnauze voll»
«Es muss einen klaren Schnitt geben, und es muss eine andere Gangart herrschen», sagte Aufsichtsratschef Michael Hollmann. Alarmierend für den Coach dürfte auch gewesen sein, dass Hollmann ankündigte: «Wir werden noch lauter werden und versuchen, Einfluss zu nehmen.» Er und seine Kollegen hätten «auch die Schnauze voll. Von der Tabellensituation. Aber auch von der Art und Weise, wie wir uns dahin manövriert haben.»
Der biedere und harmlose Spielstil unter Polanski ist vielen Borussen ein Dorn im Auge. «Bei einem Hausbau kommt als Erstes die Bodenplatte», sagte Polanski. «Dieses Jahr die Bodenplatte. Im nächsten Jahr dann gerne die Villa.» Wieder wurde die Skepsis der Mitglieder deutlich.
Den größten Zuspruch erhielt neben Aufsichtsratschef Hollmann für seine deutlichen Worte Sportchef Rouven Schröder. Der Nachfolger des glücklosen Roland Virkus skizzierte auf Bildschirmen seine Strategie für die Zukunft. Als Schlagwort fiel dabei immer das Wort «Mut». Und das ist kein Begriff, den man mit dem Fußball unter Polanski derzeit verbindet.
Schröder steht vor der Herkulesaufgabe, die Personalkosten von immer noch 94,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr weiter zu reduzieren und dabei nach eigenen Worten «an der Qualität zu schrauben»: «Wir brauchen ein richtig, richtig gutes Transferfenster im Sommer.» Und möglicherweise wieder einen neuen Trainer.
