Angesichts des bis 2040 erwarteten deutlichen Anstiegs der älteren Bevölkerung bleibt der Bedarf an Pflegefachkräften hoch. (Symbolbild)
Angesichts des bis 2040 erwarteten deutlichen Anstiegs der älteren Bevölkerung bleibt der Bedarf an Pflegefachkräften hoch. (Symbolbild) Foto: Bernd Thissen/dpa

Düsseldorf (dpa/lnw) – In der von jahrelangem Fachkräftemangel betroffenen Pflegebranche zeichnet sich bei der Beschäftigtenzahl in Nordrhein-Westfalen eine positive Tendenz ab. Immer mehr Menschen arbeiten in der Pflege oder entscheiden sich für eine Ausbildung in den Gesundheitsberufen. Das geht aus dem alle zwei Jahre erscheinenden Bericht der Landesregierung zur Ausbildungs- und Fachkräftesituation im Gesundheitssektor hervor.


In der Pflege stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seit 2022 um gut 7.500 auf mehr 292.000 im Jahr 2025. Seit Einführung der einheitlichen dreijährigen Pflegeausbildung im Jahr 2020 stieg zudem die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bis 2024 um 17 Prozent auf fast 16.950. Vorläufige Zahlen des Jahres 2025 zeigten einen nochmaligen Anstieg auf mehr als 17.250 neue Ausbildungsverträge. 

«Die Pflege- und Therapieberufe sind Wachstumsberufe», sagte der wissenschaftliche Gutachter Prof. Michael Isfort. Der Bedarf sei aber weiter hoch. «In der Summe ist der Druck aus den Einrichtungen höher als die Kapazität, die wir in der Pflege haben.» 

Ein Drittel bricht Ausbildung ab 

2023 schlossen rund 10.060 Absolventinnen und Absolventen die Regelausbildungszeit ab, 2024 waren es mehr als 10.400. Die sogenannte Ausbildungserfolgsquote bei Pflegefachkräften sank von 69,6 Prozent im Ausbildungsjahr 2023 auf 66,3 Prozent 2024. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der Azubis ihre Ausbildung abbrechen. Für Gutachter Isfort ist das kein Grund zur Beunruhigung. Nur Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stünden etwas besser da. Die Abbrecherquoten seien normal und auch im Vergleich zu anderen Berufen etwa im Handwerk nicht erschreckend. 

Zuwächse auch in Therapieberufen und Pflegeassistenz

Bei den Therapieberufen Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie gab es Steigerungen zwischen sechs und mehr als sieben Prozent bei den Beschäftigten. Die Umstellung der Ausbildung von Hebammen auf ein Bachelorstudium wird ebenfalls gut angenommen. In den letzten drei Jahrgängen studieren jeweils rund 400 Studierende angewandte Hebammenwissenschaft und Hebammenkunde. Gegenüber der früheren Ausbildung sei dies mehr als eine Verdoppelung.

Starke Zuwächse verzeichnet auch die Pflegefachassistenz: Während
es im ersten Jahr der Ausbildung 2021 noch gut 1.300 Azubis 
gab, waren es 2024 bereits mehr als 6.100. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Pflegeassistenzschüler um weitere 14 Prozent auf rund 7.000. 

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) führte die steigenden Ausbildungszahlen auch auf gezielte Investitionen zurück. So habe das Land rund 350 Millionen Euro für den Ausbau und die Modernisierung von Pflegefachschulen und Ausbildungsplätzen investiert. Ein wichtiger Schritt sei auch die Abschaffung des Schulgelds in Therapie- und Gesundheitsfachberufen gewesen, so Laumann. Dies habe dazu geführt, dass mehr junge Menschen sich für diese Berufe entscheiden. «Das Konzept ist voll aufgegangen.»

Deutlicher Anstieg der älteren Bevölkerung

Die steigenden Ausbildungszahlen in der Pflege könnten nach Einschätzung der Studienautoren den Ersatzbedarf durch rentenbedingte Berufsausstiege bis 2030 kompensieren. Jährlich könnten 8.000 bis 9.500 ausgebildete Pflegekräfte in den Arbeitsmarkt kommen, während 4.000 bis 6.500 Beschäftigte in Rente gingen. 

Angesichts der hohen Zahl von rund 7.000 Pflege- und Klinikeinrichtungen in NRW würden Versorgungsangebote aber eher aufrechterhalten anstatt ausgebaut. «Wir können damit keine maßlose Steigerung zusätzlicher Einrichtungen generieren», sagte Gutachter Isfort. «Dazu reicht das Personal aus den Ausbildungsstätten nicht aus.»

Besonders vor dem Hintergrund des bis 2040 erwartbaren deutlichen Anstiegs der älteren Bevölkerung wird laut Studie der Bedarf an Fachkräften hoch bleiben. Bei der Gruppe der über 75-Jährigen wird zwischen 2023 und 2040 mit rund 650.000 Personen zusätzlich gerechnet. Erstmals wurde auch die Entwicklung der Demenz eingeschätzt. Für 2023 wurden rund 380.000 Menschen mit Demenz berechnet. Diese wird bis 2040 voraussichtlich um weitere rund 92.000 ansteigen. 

Ein «bunteres Bild» der Pflegeformen 

Von einem «Pflegenotstand» könne man nicht sprechen, betonte Isfort. «Was wir aber deutlich sehen: Wir werden uns andere Lösungen überlegen müssen, weil wir die Anzahl der Einrichtungen nicht in die Unendlichkeit steigern können.» 

Minister Laumann wies darauf hin, dass mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause gepflegt würden. Das Bild der stationären Pflege werde sich ändern. Künftig werde es auch andere Wohnformen geben wie etwa selbstbestimmte Pflege-Wohngemeinschaften. «Da wird das Bild bunter werden.»

NRW setzt auf Fachkräfte aus dem Ausland

Ausländische Fachkräfte werden zu einer immer wichtigeren Stütze im Pflegebereich. «Wir gewinnen erheblich in diesen Berufen auch Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte», sagte Laumann. Der Nachwuchs bei Pflegekräften komme sehr stark aus Indien, Marokko und Vietnam. 2025 gab es in NRW mehr als 14.400 Zulassungen für Pflegekräfte aus anderen Ländern. Viele kommen bereits für die Ausbildung nach NRW. Laumann sieht dafür Gründe: Das Land biete eine attraktive Ausbildungsvergütung und für ausgebildete Pflegekräfte ein EU-finanziertes Willkommensgeld von 1.500 Euro.