Garantiert gute Laune beim gemeinsamen Spiel, die Boccia Mannschaft, Bild: Vlad Ilstein
Garantiert gute Laune beim gemeinsamen Spiel, die Boccia Mannschaft, Bild: Vlad Ilstein

Ratingen | Die einen beraten noch über die möglichst verträgliche Reaktivierung alter Boulebahnen in Ratingen-West, andere holen die Kugeln einfach aus der Tasche und spielen. Hinter dem Lindwurm, auf den Freiflächen rund um den Maximilian-Kolbe-Platz, zeigt sich derzeit sehr konkret, worum es bei Stadtteilentwicklung eigentlich gehen sollte: nicht nur um Pläne, Flächen und Beschlussvorlagen, sondern um Begegnung.


Politisch ist das Thema längst angekommen. Mehrere Fraktionen haben sich zuletzt mit der Frage beschäftigt, wie die aus den 1970er Jahren stammenden Spielflächen wieder nutzbar gemacht werden können. Dabei geht es um Aufenthaltsqualität, mögliche Lärmbelastung, Sitzgelegenheiten, die genaue Lage der Bahnen und die Vereinbarkeit mit anderen Nutzungen im Quartier. Kurz gesagt: Ratingen-West sucht nach einem Ort, an dem Menschen unkompliziert zusammenkommen können.

Der Kulturverein Schalom hat derweil gezeigt, wie niedrig die Schwelle dafür sein kann. Der Verein nennt sein Angebot ausdrücklich Boccia. Das ist nicht nur eine sprachliche Feinheit. „Boule“ ist im Deutschen häufig ein Sammelbegriff für Kugelspiele französischer Prägung, besonders für Pétanque, das meist mit Metallkugeln auf Kies- oder Sandflächen gespielt wird. Boccia hingegen stammt aus der italienischen Spieltradition. Es wird klassisch mit größeren Kugeln gespielt, die präzise möglichst nah an eine kleinere Zielkugel gebracht werden. Im Alltag werden die Begriffe oft vermischt, entscheidend ist aber der gemeinsame Kern: Konzentration, Geschick, Geselligkeit und ein niedrigschwelliger Zugang für fast jedes Alter.

In Ratingen-West eröffnete Schalom nun die Boccia-Saison mit einem ersten Spiel, das langjährige Teilnehmer ebenso zusammenbrachte wie neue Gäste. Auf dem Platz herrschten Begeisterung, Lachen und freundschaftliche Diskussionen über die präzisesten Würfe. Einige führten ihr Team selbstbewusst zum Sieg, andere probierten sich zum ersten Mal aus. Gleichgültig blieb niemand.

Zwischen den Spielrunden wurde über gelungene Würfe gesprochen, man tauschte Neuigkeiten aus und freute sich sichtbar über das Wiedersehen nach längerer Pause. Für Vlad Ilstein, Vorsitzender des Kulturvereins Schalom, war dieser Auftakt deshalb mehr als nur ein Spielnachmittag. Er wurde zu einem herzlichen Zeichen dafür, dass einfache Angebote im Stadtteil funktionieren können, wenn Menschen sie sich aneignen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft der alten Bahnen hinter dem Lindwurm. Ob man sie nun Bouleflächen nennt oder dort Boccia spielt: Sie brauchen keinen großen Pathos, sondern Pflege, Rücksicht und den Mut, sie wieder als soziale Orte zu verstehen. In West wird viel über Aufenthaltsqualität gesprochen. Manchmal beginnt sie mit einer Kugel, einem Ziel und einem Lachen.