Ratingen | Mehr als 25 Mitglieder des jüdischen Kulturvereins Schalom Ratingen haben das Oberschlesische Landesmuseum in Hösel besucht. Der Termin war aus einem gemeinsamen Polenbesuch des Vorsitzenden der Stiftung Haus Oberschlesien, Sebastian Władarz, und des Schalom-Vorsitzenden Vlad Ilstein entstanden. Was als Museumsbesuch begann, wurde zu einer eindrucksvollen Begegnung mit einer oft verdrängten, aber prägenden Geschichte.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Bedeutung jüdisches Leben für Schlesien und insbesondere Oberschlesien hatte. Die Antwort wurde den Gästen nicht abstrakt, sondern anschaulich vor Augen geführt. Juden waren in vielen Städten der Region Teil des wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens. In Gleiwitz, dem heutigen Gliwice, wirkten jüdische Familien im Handel, im Unternehmertum und in der Industrie. Namen wie Oscar Troplowitz, der aus einer jüdischen Familie in Gleiwitz stammte und später mit Beiersdorf und Nivea Wirtschaftsgeschichte schrieb, oder Fritz von Friedlaender-Fuld, einer der bedeutenden Industriellen des oberschlesischen Reviers, zeigen diese Kraft. Auch Wissenschaftler wie Fritz Haber aus Breslau oder Paul Ehrlich aus Strehlen stehen für den Beitrag jüdischer Persönlichkeiten aus Schlesien zur europäischen Moderne.
Der Museumsbesuch machte zugleich deutlich, wie sehr diese Geschichte durch Nationalsozialismus, Krieg, Vertreibung und später durch die kommunistische Zeit überlagert wurde. Gerade in der Volksrepublik Polen wurde jüdisches Leben häufig nicht als eigene historische Erfahrung sichtbar gemacht. Dennoch lässt sich die Verbindung nicht aus der Geschichte herauslösen. Polen, Deutsche und Juden teilen in Schlesien eine Vergangenheit, die schmerzhaft, widersprüchlich, aber auch reich an gemeinsamer Kultur ist.
Vlad Ilstein dankte dem Museum im Namen des Vereins Schalom ausdrücklich für die Begegnung. Besonders wertvoll sei der „Einblick in die gemeinsame Geschichte der Menschen dieser Region“ gewesen. Die vielfältigen Verbindungen zwischen Juden und Deutschen in Oberschlesien zeigten, „wie eng ihre Lebenswege, ihre Kultur und ihr Beitrag zur Entwicklung der Region miteinander verflochten waren“.
Sebastian Władarz führte die Gäste durch die Ausstellung und ordnete die historischen Zusammenhänge ein. Die herzliche Atmosphäre und das große Interesse machten deutlich, dass aus dem Besuch mehr entstehen kann. Beide Seiten wollen den Austausch fortsetzen und künftig weitere Projekte entwickeln, die die polnisch-jüdisch-deutsche Dreiecksbeziehung stärken. Damit wird Geschichte nicht nur erinnert, sondern als Auftrag verstanden: für Dialog, Respekt und eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur.

