Regenrinne abgedeckt, Fassade ohne Halt für Kletterer - wie kam der Häftling auf das Dach?
Regenrinne abgedeckt, Fassade ohne Halt für Kletterer - wie kam der Häftling auf das Dach? Foto: Christoph Reichwein/dpa

Duisburg (dpa) – Gitterstab durchgesägt, Fenster aufgedrückt und dann an der Fassade hoch in die Freiheit geklettert: Am frühen Sonntagmorgen ist in der JVA Duisburg-Hamborn ein 35 Jahre alter Untersuchungsgefangener mit einem hollywoodreifen Ausbruch entkommen. Die Zelle war im dritten Stock, das Dach ist über dem vierten Stock. 


Von dem Mann gab es bis zum frühen Nachmittag keine Spur, wie ein Sprecher der Duisburger Polizei bestätigte. Die Fahndung laufe. Die Polizei veröffentlichte am Nachmittag einen Fahndungsaufruf. Demnach ist der Häftling 1,75 Meter groß und schlank. Er trägt am rechten Oberarm eine auffällige Tätowierung – den Kopf einer Frau. Er habe sich mehrfach mit teils falschen Personalien ausgewiesen.

Der Mann ist kein Gewaltverbrecher. Der Serbe saß wegen Diebstahlsvorwürfen seit dem 10. Februar in Untersuchungshaft. Ende Mai sei er wegen zwei Wohnungseinbrüchen mit hohem Schaden zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden, die noch nicht rechtskräftig ist, teilten die Behörden mit.

Allerdings sei durchaus kriminelle Energie vorhanden, heißt es aus Justizkreisen: Der Mann soll bei seinen Einbrüchen nicht nur wertvollen Schmuck, sondern auch mehr als 200.000 Euro Bargeld gestohlen haben – das erklärt auch die relative hohe Haftstrafe.

Häftling hatte ein «raffiniertes Versteck» – für Werkzeug?

Nach dem Ausbruch stellte sich außerdem heraus: Der Häftling hatte in seiner Zelle vor dem Ausbruch ein Versteck im Boden angelegt – möglicherweise für Werkzeug. «Ein raffiniertes Versteck», sagte ein Sprecher des Justizministeriums. Der Hohlraum unter dem Linoleumboden nahe einer Zellenwand sei offensichtlich bei Zellenkontrollen nicht aufgefallen, jetzt aber entdeckt worden. Werkzeug habe sich in dem Hohlraum nicht befunden. 

Die Ermittler nehmen mittlerweile sicher an, dass der Häftling einen Gitterstab vor dem Fenster seiner Zelle zum Innenhof durchgesägt habe – und das höchstwahrscheinlich über einen längeren Zeitraum. Um die Feinvergitterung vor dem Fenster aufzudrücken, habe er dann vor dem Ausbruch den Zellentisch als Hebel eingesetzt, sagte der Sprecher.

 Dann habe er sich offensichtlich durch den schmalen Spalt gezwängt und sei über die Fassade auf der Innenseite aufs Dach und danach auf der Außenseite auf unbekannte Weise heruntergeklettert. Die Haftanstalt liegt mitten in der Stadt und ist außerhalb nicht durch eine zusätzliche Mauer gesichert.

Ausbruch setzt Minister Limbach unter Druck

Der spektakuläre Ausbruch setzt NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Bündnis 90/Die Grünen) unter Druck. Limbach steht ohnehin in der Kritik – unter anderem nach Korruptionsvorwürfen gegen JVA-Bedienstete, über die er zu spät informiert haben soll. 

«Ein Gitterstab verschwindet nicht von allein. Justizminister Limbach muss erklären, wie der Mann an das nötige Werkzeug gelangen konnte», wetterte die oppositionelle SPD-Landtagsfraktion nach dem Ausbruch. Sie bezweifele, dass Limbach noch in der Lage sei, Sicherheitsmängel im NRW-Strafvollzug rechtzeitig zu beheben, erklärte die SPD-Abgeordnete Sonja Bongers.

Der Minister bemühte sich dagegen, Handlungsstärke zu zeigen. Er informierte sehr schnell und von sich aus am Sonntagmorgen über den Ausbruch und schickte sofort einen Sicherheitsexperten des Ministeriums für Ermittlungen in die Anstalt. «Wir werden lückenlos aufklären, wie diese Sicherheitslücke entstehen konnte, um aus den Ergebnissen umgehend die notwendigen Konsequenzen zu ziehen», sagte der Minister.

Schon lange kein klassischer Ausbruch mehr

Klassische Ausbrüche aus geschlossenen Gefängnissen sind in Nordrhein-Westfalen äußerst selten und laut Ministerium seit Jahren nicht mehr vorgekommen – mit Ausnahme eines Falls Mitte Juni vergangenen Jahres in der JVA Bielefeld-Senne, als ein Häftling erst ein knapp drei Meter hohes Rolltor und dann noch eine Mauer überwand. Der Fall wurde aber offiziell nicht als Ausbruch, sondern als «Entweichung» aus dem offenen Vollzug gewertet.

Solche «Entweichungen» oder verspätete Rückkehr etwa nach Ausgang oder Freigang kommen immer mal wieder vor. 2024 habe es 174 solcher Fälle gegeben – aber eben keinen klassischen Ausbruch, sagte der Justizsprecher. «Wir haben grundsätzlich einen sehr ausbruchsicheren Strafvollzug, wie man an den Zahlen sieht», sagte er.

36 Haftanstalten mit etwa 18.000 Haftplätzen gibt es laut Ministerium im einwohnerstärksten Bundesland, dazu 5 Jugendarrestanstalten. Inhaftiert seien aktuell rund 15.000 Menschen. Die Zahl der Haftplätze reiche also aus.

Warum konnte er so gut klettern?

In der Duisburger JVA stellen sich viele vor allem die Frage, wie der Häftling an der Fassade hoch und in schwindelnder Höhe um die Dachsicherung herum aufs Dach gelangen konnte – und all das mitten in der Nacht. 

Vielleicht hat er ja besondere Kletterqualitäten wie der 2025 entflohene Häftling in Bielefeld-Senne. Dieser war nämlich ein Parkour-Sportler, der das Überwinden von Hindernissen im städtischen Raum gewohnt war, wie das NRW-Innenministerium nach der Flucht in einem vertraulichen Papier berichtete.