St. Tönis (dpa/lnw) – Fast 32 Jahre nach dem Raubmord an einer Lidl-Filialleiterin im niederrheinischen St. Tönis sitzt ein früherer Ladendetektiv in Untersuchungshaft. Der inzwischen 59-Jährige habe sich in seiner Wohnung in Krefeld widerstandslos festnehmen lassen und schweige zu den Vorwürfen, teilten die Polizei und die Staatsanwaltschaft in Mönchengladbach mit. Er sei bei seiner Festnahme «ruhig und kooperativ» gewesen.
Mit modernen Analysemethoden war es gelungen, seine DNA an Spuren von der Kleidung des Opfers nachzuweisen. Die Täter waren am 25. Januar 1995 gegen 8.30 Uhr in die Lidl-Filiale in St. Tönis eingedrungen, in der Filialleiterin Sonja K. gerade mit dem Einräumen der Ware beschäftigt war. Spuren zeugten von dem Angriff zwischen den Regalen.
Die 24-Jährige wurde mit Klebeband gefesselt und erdrosselt; ihre Leiche wurde in die Toilettenräume gebracht. Dort wurde sie später von einer Kollegin entdeckt. Verzweifelt hatte diese noch versucht, das Klebeband vom Mund ihrer Chefin zu reißen.
Hände auf Rücken gefesselt
Sonja K. waren die Hände auf den Rücken gefesselt. Aus dem Tresor waren mehrere Tausend D-Mark geraubt worden. Der Beschuldigte, ein in Deutschland geborener Italiener, sitzt seit vergangener Woche unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Er war bis einige Monate vor der Tat als Ladendetektiv in der Filiale eingesetzt.
Die Polizei geht von weiteren Tätern aus. Der Schlüsselbund der Getöteten, an dem der Schlüssel für den Tresor hing, ist weiter verschwunden.
Wie die Täter in die Filiale kamen, ist bis heute unklar. Die Mordkommission verfolgte damals über 100 Spuren. Dabei geriet schon damals auch die Detektei, die die Ladendetektive in der Filiale des Discounters einsetzte, ins Visier der Ermittler.
Weil die DNA-Analyse 1995 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten die Ermittlungen 1996 eingestellt werden. Doch die Folien, mit denen die Leiche abgeklebt wurde, damals um Textilfasern sicherzustellen, lagerten weiter unter den Asservaten.
Die Rückkehr des Ladendetektivs
Auf ihnen waren winzige Hautschuppen konserviert, aus denen sich inzwischen die DNA bestimmen lässt. Weil der Einsatz des Ladendetektivs schon Monate vor der Tat beendet war, gehen die Ermittler davon aus, dass seine Spuren nur durch den Raubmord auf die Kleidung der 24-Jährigen gelangt sein können.
Bis Ende 1994 sei er in der Filiale auf die Jagd nach Ladendieben gegangen. Ende Januar 1995 soll er zurückgekehrt und zum Mörder geworden sein. Ältere Spuren aus seiner Zeit als Ladendetektiv seien aus der Kleidung von Sonja K. bereits herausgewaschen gewesen, erläuterten die Ermittler.
Alle damaligen Ladendetektive der Detektei wurden Anfang 2026 um Speichelproben gebeten. Bei ihrer Auswertung kam es zum lange erhofften DNA-Treffer.
Brüder des Opfers über Festnahme informiert
Für die Eltern von Sonja K. kommt der Ermittlungserfolg zu spät: Beide leben nicht mehr. Aber: «Besonders gefreut hat uns, dass wir den beiden Brüdern des Mordopfers von der Festnahme berichten konnten», sagte Ermittlungsleiterin Stefanie Kohnen. «Darauf haben wir über 31 Jahre gewartet.»
Staatsanwältin Rahel Plass berichtete, dass das Amtsgericht Krefeld den Haftbefehl wegen Mordes erlassen habe. Das Mordmerkmal sei Habgier. Ein Verdeckungsmord sei aber auch nicht auszuschließen, sagte sie auf dpa-Nachfrage. Möglicherweise wurde die 24-Jährige erdrosselt, weil sie den Ladendetektiv wiedererkannt hatte.
Die Ermittler zeigten sich zuversichtlich, dass die Beweislage für eine Verurteilung ausreichend ist. Die Spuren des Beschuldigten an der Kleidung des Opfers zeugten von einem «dynamischen Geschehen». Zu den heutigen Lebensumständen des Beschuldigten, etwa ob er noch immer als Ladendetektiv arbeitet, schwiegen die Ermittler. Nach den Mittätern werde weiter gesucht.

