Bengü Kocatürk-Schuster, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (DOMiD), zeigt eine Trinkflasche, die zur Reiseverpflegung auf der ersten Fahrt von der Türkei nach Deutschland gehörte.
Bengü Kocatürk-Schuster, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (DOMiD), zeigt eine Trinkflasche, die zur Reiseverpflegung auf der ersten Fahrt von der Türkei nach Deutschland gehörte. Foto: Christian Knieps/dpa

Berlin/Köln (dpa) – «Unsre Eltern kam’n mit zwei Taschen damals aus Türkei», singt der Berliner Rapper Pashanim in seinem Erfolgssong «Sommergewitter». Einige solcher Gegenstände, die Zuwanderer damals mitnahmen, lagern heute im Bezirksrathaus des Kölner Stadtteils Ehrenfeld. Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zeigt eine blaue Trinkflasche, die einst auf die große Reise nach Deutschland mitging und danach für immer aufbewahrt wurde. Das filigran verzierte Gefäß wirkt nicht wie ein Gebrauchsgegenstand, sondern eher wie ein Requisit aus 1001 Nacht. 


Zu den besonders unscheinbaren Objekten gehört eine Kassettenbox. Darin bewahrte ein türkisches Ehepaar einst sogenannte Hörbriefe auf, die ihre zunächst in der Türkei bei Verwandten zurückgebliebene Tochter für sie eingesprochen hatte. «Es war ein sehr beliebtes Kommunikationsmittel», erläutert Kocatürk-Schuster. «Man hat es wie einen Brief besprochen, aber man konnte darauf auch singen, Gedichte aufsagen oder Grüße verschicken.» Manchmal dauerte es Monate, bis ein sehnsüchtig erwarteter Hörbrief endlich ankam. 

Am Freitag (30. Oktober) jährt sich der Abschluss des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens zum 65. Mal. Es ist ein Vertrag, der Deutschland verändert hat wie kaum ein anderer. Vorher waren schon ähnliche Abkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien geschlossen worden – doch das reichte immer noch nicht. 

Die junge Bundesrepublik kämpfte mit einem Mangel an Arbeitskräften, weil Anfang der 60er Jahre die geburtenschwachen Jahrgänge aus dem Zweiten Weltkrieg zum Tragen kamen. Auch der Aufbau der Bundeswehr entzog dem Arbeitsmarkt junge Männer. Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden von der Bundesregierung nicht als Zuwanderer gesehen, sondern als Gastarbeiter. 

Auf türkischer Seite war das nicht anders. Die dortige Regierung erhoffte sich, dass die Gastarbeiter dem Land Devisen bringen und in Deutschland zu Facharbeitern ausgebildet werden würden. Anschließend sollten sie sich in ihrer Heimat nützlich machen. «Studien haben aber gezeigt, dass 20 bis 50 Prozent der nach Deutschland kommenden Türken auch schon eine Qualifikation hatten», erläutert Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen. «Es sind also nicht nur einfache Bauern und Ungebildete gekommen, sondern zum Beispiel auch Lehrer, die aber natürlich nicht als Lehrer gearbeitet haben.»

Stacheldraht statt Musik 

Die Fahrt in Sonderzügen aus Istanbul dauerte anfangs 50 bis 55 Stunden. Viele der Reisenden malten sich aus, dass sie in einem schönen Saal mit Musik empfangen werden würden – Deutschland war ja das Land der klassischen Musik. Sie starteten durchaus mit großen Erwartungen ins Abenteuer Almanya. 

Das Erste, was die Neuankömmlinge tatsächlich zu sehen bekamen, war vielfach ein Keller – der ehemalige Luftschutzbunker unter Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof. Dort hatte die Bundesanstalt für Arbeit eine «Weiterleitungsstelle» eingerichtet. 

Für die Unterbringung der ausländischen Arbeitskräfte waren die jeweiligen Unternehmen zuständig. Sie nutzten dafür Baracken, Fabrikhallen oder Bunker, die teils mit Stacheldraht umzäunt waren. Das Leben dort war stark reglementiert, vom Aufstehen über die Nutzung gemeinsamer Küchen und Waschräume bis hin zu Besuchszeiten und Nachtruhe. 

Eines der ersten Beispiele für hiesige Proteste von Türken war ein Streik 1973 im Kölner Ford-Werk nach einer fristlosen Kündigung von 300 türkischen Arbeitern, die sich bei der Rückkehr aus dem Heimaturlaub verspätet hatten. Rund 8.000 vorwiegend türkische Ford-Arbeiter demonstrierten spontan für die Wiedereinstellung und legten die Produktion lahm. Schnell kamen Forderungen wie die nach Lohnerhöhung dazu. All das taten die Türken in Eigenregie – IG Metall und Betriebsrat stellten sich gegen die Aktion. 

«Das Besondere war, dass die Gastarbeiter 1973 selbst ihre Stimme erhoben, sich organisierten und Gleichbehandlung forderten», sagt Nedim Hazar, künstlerischer Leiter eines Musicals über den Streik. Wenn die Produktion «Baha und die wilden 70er» am 29. und 30. Oktober sowie am 7. November auf dem Original-Werksgelände von Ford aufgeführt wird, werden auch drei Zeitzeugen mit auf der Bühne stehen. 

«Verpiss-dich-Prämie»

Im selben Jahr 1973 stoppte Westdeutschland nach der Ölkrise die Anwerbung aus anderen Ländern – und es dauerte nicht lange, bis es hieß, die «Gäste» sollten jetzt gehen. Es war kein Rechtsextremer, der damals schwor: «Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze!» Es war Helmut Schmidt, SPD. Unter CDU-Kanzler Helmut Kohl bot 1983 ein «Rückkehrhilfegesetz» Ausländern jeweils mehrere tausend D-Mark dafür, wenn sie Deutschland verließen. «Die Türken haben das als „Verpiss-dich-Prämie“ bezeichnet», sagt Uslucan. Es war «Remigration» lange vor der AfD. 

Circa eine halbe Million Türken gingen von Beginn der Anwerbung 1961 bis 1973 tatsächlich zurück – doch etwa eine knappe Million blieb in der Bundesrepublik. Diese Menschen begannen in den 70er Jahren, ihre Familien nachzuholen. Ein Grund dafür war das immer noch höhere Lohnniveau in Deutschland. Aber viele hatten im Sommerurlaub auch festgestellt, wie fremd ihnen die alte Heimat geworden war. «Das Ergebnis war ein eigenartiger Schwebezustand», erläutert Uslucan. «Man gehörte nirgendwo richtig dazu.»

Heute leben rund 2,9 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung. Davon haben 1,5 Millionen die türkische Staatsangehörigkeit. Die Übrigen sind Deutsche, viele mit zweitem, türkischen Pass. Die meisten von ihnen sagen, dass sie sich in beiden Ländern zu Hause fühlen. 

«Aber – und das ist die kritische Botschaft – ungefähr seit 2010 ging die Bindung an Deutschland zurück, während diejenige zur Türkei stieg.» Eine Ursache dafür sieht Uslucan im wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der Türkei. Gleichzeitig wurde Deutschland von den Morden der Neonazi-Zelle NSU erschüttert. In gesellschaftspolitischen Debatten wurden Türken immer noch als Integrationsproblem dargestellt. «Man erlebte also eine selbstbewusste Türkei, auch eine Umarmungsstrategie der Türkei, bei gleichzeitiger Ausgrenzung in Deutschland», sagt der Wissenschaftler.

Abgrenzung gegenüber anderen Migranten

Das Grundgefühl vieler Türkischstämmiger ist: «Ich lebe seit meiner Geburt hier, zahle seit Jahrzehnten Steuern – aber werde immer noch als Ausländer gesehen.» Uslucan verweist auf eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) vor der Bundestagswahl 2025: Etwa 20 Prozent der Deutschen mit türkischer Migrationsgeschichte können sich demnach vorstellen, AfD zu wählen. 

Sie vertreten vielfach die Haltung, dass sie oder ihre Eltern sich alles hart hätten erkämpfen müssen, während heutige Zuwanderer vieles hinterhergeworfen bekämen. «Es ist ein Bemühen um Abgrenzung, resultierend aus dem Frust darüber, mit diesen Neuankömmlingen in einen Topf geworfen zu werden», so Uslucan.

Unterm Strich fällt seine Bilanz aber positiv aus. «Wir haben in allen Bereichen enorme Fortschritte gemacht, gerade im Bereich der Bildung.» In diesem Jahr wurde mit Cem Özdemir (Grüne) in Baden-Württemberg erstmals ein Türkeistämmiger Ministerpräsident. Sprache, Musik, Esskultur, Hochzeitsgestaltung und vieles andere in Deutschland wird durch türkische Einflüsse mitgeprägt. Auch gibt es zahllose deutsch-türkische Paare. 

«65 Jahre – das ist ja ungefähr Renteneintrittsalter», sagt Uslucan und lacht. «Das bedeutet mit Udo Jürgens: Jetzt fängt das Leben an, jetzt kommen die guten Jahre. Wir sollten das zum Motto für die absehbare Zukunft machen.»