Sinsheim (dpa) – Wenn Andrej Kramaric in der Interviewzone vor den Reportern erscheint, würde er glatt als Fußball-Präsident im Kraichgau durchgehen. Sein Kollege Alexander Prass, der Gelb-Rot wegen seines überschwänglichen Torjubels sieht? «Guter Spieler, aber ein bisschen dumm.» Drei Siege in einer Woche? «Warten wir den Pokal in Kiel ab.» Der Jubiläumstreffer für seinen Verein? «Ich wusste das vorher nicht.»
«Über eine ganze Dekade geprägt»
Seit zehn Jahren und neun Monaten spielt der Kroate inzwischen beim häufig als Dorfverein verspotteten Bundesliga-Club. Er hat vor Jahren das 500. Bundesliga-Tor und an diesem Sonntag beim erst spät deutlichen 3:0 (0:0) gegen Bayer Leverkusen das 1.000. Bundesliga-Tor der TSG erzielt.
«Er hat diesen Verein über eine ganze Dekade geprägt und hat ein Vermächtnis hier geschaffen. Er hat am Donnerstag schon gezeigt, wie wichtig er ist und wie er seine Klasse zeigt», sagte Trainer Christian Ilzer, der den 35-Jährigen angesichts großer personeller Möglichkeiten auf der Bank ließ – und dann als siegbringenden Joker einwechselte.
Sechs Scorerpunkte in vier Tagen
Kramaric verwandelte – etwas glücklich – einen Foulelfmeter (79. Minute) und legte später (89./90.+6) die beiden Tore der Teamkollegen Prass und Max Moerstedt vor. «Dieses Jubiläumstor gebührt ihm», sagte Ilzer über den WM-Zweiten von 2018 und WM-Dritten von 2022. Schon beim 3:0 gegen Olympique Lyon in der Europa League hatte Kramaric bei allen drei TSG-Treffern mitgewirkt.
«Manche haben gefragt: Why always Kramaric? Ich genieße diese Momente. Ich habe viele Geschichten hier geschrieben, das ist noch eine Kleinigkeit dazu», sagte Kramaric, dessen Sohn während seiner Interviews fleißig mit dem Fußball übte. Der Routinier hat von Champions League bis Abstiegskampf alles mitgemacht in Hoffenheim – und wirkt im Herbst seiner Karriere zufrieden und mit sich im Reinen.
Burger: «Solche Spieler brauchst du immer»
Als ihn ein Reporter fragte, ob er auch noch das 1.500. Bundesliga-Tor für Hoffenheim schießen werde, sagte Kramaric: «Ja, gucken wir. Ich fühle mich besser, ich hatte zwei nicht so leichte Monate. Ich merke, ich habe noch 20 bis 30 Prozent Luft nach oben. Das ist mein Gefühl. Ich bin kein Messi oder Ronaldo, aber ich merke, dass ich noch Luft nach oben habe.»
Schon zuvor hatte er gesagt, dass er «hoffentlich noch zehn Jahre» spiele – natürlich im Scherz. Der Kroate genießt es, nach einer Leistenoperation im Anschluss an das frühe WM-Aus wieder fit und schmerzfrei zu sein. Selbst ohne Topform reicht das aktuell, um die TSG nach einem echten Fehlstart eine Klasse besser zu machen.
«Andrej kann immer das Spiel entscheiden. Solche Spieler brauchst du immer, die machen den Unterschied. 500. und 1000. Tor, das sagt genug über Andrej Kramaric aus», sagte Mittelfeldspieler Wouter Burger.
Auf Lyon und Leverkusen folgt Kiel
Ein Fauxpas wie der von Teamkollege Prass, der nach dem 2:0 im Überschwang sein Trikot ausgezogen hatte, wäre ihm nicht passiert. «Er wird für die Mannschaftskasse gut blechen müssen. Das Schwierigste für mich wäre aber, wenn ich das nächste Spiel nicht spielen kann. Das ist für mich eine Strafe», sagte Kramaric, der Prass schon beim gemeinsamen Torjubel streng ansah.
Die TSG hat nach Siegen gegen Leverkusen, Lyon und bei Borussia Mönchengladbach (2:1) wieder Kurs genommen auf mehr. Am Mittwoch (20.45 Uhr/Sky) darf und soll bei Zweitligist Holstein Kiel nicht gepatzt werden.
«Wir wollen uns von der Siegesserie nicht einlullen lassen. Wir sind jetzt wieder auf Schiene in den Bewerben. Trotzdem ist die Saison noch jung, wir haben viele Aufgaben vor uns», sagte Ilzer. Egal, ob von Beginn an oder als Joker: Kramaric wird in Ilzers Plänen eine zentrale Rolle spielen.

