Szene in Synagoge aus dem Film «Doitscha - Alles geht vorüber» mit Yahli Yogev (links) und Samuel Finzi. (Handout-Foto)
Szene in Synagoge aus dem Film «Doitscha - Alles geht vorüber» mit Yahli Yogev (links) und Samuel Finzi. (Handout-Foto) Foto: Andreas Dobslaff/WDR Kommunikation/Multimediakommunikation/dpa

Berlin (dpa) – Als ihr jüngster Sohn Sammy an seiner Kölner Schule antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt ist, wird Adriana zur Löwenmutter. Im Film «Doitscha – Alles geht vorüber» erzählt Regisseurin Ester Amrami davon, wie sich das Leben von Juden in Deutschland seit dem Hamas-Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 verändert hat – und wie Identitätskonflikte selbst engste Familienbeziehungen auf die Probe stellen. 


Die ARD zeigt den Film (30.10. Mediathek, 4.11. im Ersten) im Vorfeld des Jahrestags der Pogromnacht von 1938. Er ist inspiriert von einem Roman von Adriana Altaras. Das Drehbuch schrieb die aus Israel stammende Amrami gemeinsam mit ihrem deutschen Ehemann Momme Peters.

Im Spannungsfeld der Identitäten

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen: eine jüdische Mutter, ein nichtjüdischer Vater aus Westfalen und zwei Söhne. 

Besonders heftig geraten Georg (Mark Waschke) und sein älterer Sohn David (Yahli Yogev) aneinander. David träumt davon, nach Israel auszuwandern, und nennt seinen Vater spöttisch «Doitscha» – eine Anspielung auf dessen aus seiner Sicht typisch deutsche Pedanterie. Mitunter eskaliert der Streit sogar körperlich.

Mutter Adriana (Oriana Schrage), die ein jüdisches Theater in Köln leitet, versucht immer wieder, zwischen den beiden zu vermitteln. Doch auch sie stößt zunehmend an ihre Grenzen. Nach einem aufsehenerregenden Auftritt in einer Talkshow erhält sie die Anfrage, zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November eine Rede zu halten. Auf der Suche nach den richtigen Worten verstrickt sie sich jedoch selbst in ein Geflecht widerstreitender Identitäten und Sichtweisen.

Wenn liberale Werte auf die Probe gestellt werden

Auch die heikle Frage, wo legitime Kritik an der israelischen Regierung endet und Antisemitismus beginnt, greift «Doitscha» auf. In der Talkshow reagiert Adriana – Tochter von Holocaust-Überlebenden – allergisch auf plumpe Fragen, die gängige Stereotypen über deutsche Juden offenlegen. 

Als der Talkmaster sie nach ihren «halb jüdisch, halb deutschen» Söhnen fragt, nennt sie dies «ziemlich bedenklich» und kontert: «Sind Sie denn halb katholisch, halb deutsch?» Im anschließenden Streit über Israel mit einem ebenfalls eingeladenen Influencer kommt es zum Eklat.

Auch an ihrem eigenen Theater gerät Adriana mit ihrem Einsatz für liberale Werte in geradezu absurde Situationen: Sie plant eine Lesung mit einem regierungskritischen israelischen Autor – doch propalästinensische Aktivisten übertönen die Veranstaltung mit «Free Palestine»-Rufen. Die Proteste sind so erbittert, dass der Autor schließlich gar nicht zu Wort kommt. 

Bei all den Konflikten sorgen Davids Patenonkel Aron Schuster (Samuel Finzi) und die warmherzige, herrlich schrullige Tante Jele (Inge Maux) dafür, dass der Humor in dieser Familiengeschichte nicht zu kurz kommt.

Schmerz mit Humor bekämpfen

Gerade dieser Humor habe sie an dem Stoff von Adriana Altaras gereizt, sagt Regisseurin Amrami im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Altaras‘ Erzählton sei eine «seltene Stimme» in Deutschland. Dabei werde «Schmerz mit Humor bekämpft». So bewahre sich der Film trotz seiner schweren Themen eine gewisse Leichtigkeit.

Reizvoll habe sie auch gefunden, jüdische Figuren nicht «folkloristisch» darzustellen, sondern als normale Menschen mit alltäglichen Konflikten, was man im deutschen Fernsehen immer noch zu selten sehe. 

Die Ereignisse vom 7. Oktober hätten sie gezwungen, das Drehbuch völlig neu auszurichten, erzählen Amrami und Peters. Eine neue Intoleranz von links wie von rechts, mit der Adriana in der Geschichte konfrontiert wird, stellt ihre liberale Weltanschauung auf die Probe.

Eine neue Realität für Juden in Deutschland

«Seit dem 7. Oktober ist vieles anders», sagt die israelische Regisseurin, die selbst seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Aufgrund der hochgradig emotionalisierten Debatte um den Nahostkonflikt sei eine Anerkennung der Komplexität der Situation unmöglich geworden.

In dieser neuen Wirklichkeit würden Juden immer wieder mit dem Thema Israel konfrontiert und darauf reduziert – auch wenn sie der rechtsreligiösen Regierung kritisch gegenüberstehen.

Die gesellschaftliche Polarisierung mache auch vor der jüdischen Gemeinschaft nicht halt. Zwischen Anfeindungen von rechts und links und unterschiedlichen politischen Positionen innerhalb der Community entstehen mitunter absurde Situationen, die der Film aufgreift.

Die neue, nicht nur für Juden bedrohliche Realität in Deutschland, die Adriana zunehmend Angst einflößt, findet im Film auch symbolischen Ausdruck: in einer Rabenkrähe, die immer wieder vor ihrem Fenster auftaucht. «Die pluralistischen Werte müssen sich durchsetzen», hofft Amrami und sagt: «Die Krähe ist eine Warnung an unsere Gesellschaft!»

«Doitscha – Alles geht vorüber» ist in der ARD-Mediathek abrufbar (Start 30. Oktober). Es gibt auch eine TV-Ausstrahlung im Ersten (Mittwoch, 4. November, um 20.15 Uhr). Der Film steht zudem im Programm beim Film Festival Cologne (29. Oktober bis 5. November).