
Geseke (dpa/lnw) – Überladung um Zeit zu sparen? Drei Jahre nach einem tödlichen Güterzugunglück bei Geseke nennt ein Untersuchungsbericht Fehler des unter Zeitdruck stehenden Lokführers als wahrscheinliche Ursache. Der 30-Jährige war im September 2023 tödlich verunglückt, als sein mit Zement beladener Zug an einer Abzweigung vom Zementwerk in Geseke auf die Hauptstrecke entgleiste. Aufgrund enormer Schäden an der Strecke und einer komplizierten Bergung dauerte es Wochen, bis der Streckenabschnitt wieder freigegeben werden konnte.
Laut dem von der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung vorgelegten Unfallbericht hatte der Lokführer seinen Zug deutlich überladen – wohl um Zeit zu sparen. Denn: Neben seinem über eine Zeitarbeitsfirma vermittelten Job auf der Güterzugstrecke, hatte er direkt im Anschluss eine Dienstschicht bei einem anderen Arbeitgeber zugesagt. Beide Unternehmen wussten demnach nichts davon. Mehrere Medien hatten zuvor berichtet.
Eine Kette von Versäumnissen und deutliche Überladung
Offensichtlich um pünktlich seine Schicht beim zweiten Arbeitgeber erledigen zu können, hatte er der Auswertung zufolge den zu befördernden Zement auf zwei statt auf sieben Fahrten aufgeteilt – und damit viel mehr Wagen an sein Triebfahrzeug gehängt als zulässig.
Zudem hatte er den Zug nicht ordnungsgemäß auf die Fahrt vorbereitet, so dass «erhebliches Risiko» entstand, dass die Lok nicht beherrschbar sein würde. Außerdem hatte der Lokführer den Zug nicht ausreichend gegen unbeabsichtigtes Wegrollen gesichert.
Während bei der ersten überladenen Fahrt noch alles gut ging, habe sich der Zug bei der zweiten Fahrt auf abschüssiger Strecke unkontrolliert in Bewegung gesetzt. Mit zunehmender Geschwindigkeit sei das Getriebe der Lok unter der Belastung geborsten, der Zug beschleunigte immer weiter und entgleiste schließlich.
Bericht bemängelt fehlende Sicherheitskultur und Überwachung
Technische Mängel am Zug oder an der Strecke seien dagegen nicht festgestellt worden, heißt es in dem Unfallbericht. Allerdings wirft die Bundesstelle dem arbeitgebenden Güterzugunternehmen vor, durch zu lückenhafte Kontrolle der Leistungen ihrer Lokführer einen «Rahmen für Regelverstöße» geschaffen zu haben. Durch mangelnde Überwachung und fehlende Sicherheitskultur sei eine Arbeitsumgebung entstanden, in der sich der Lokführer «unbeobachtet fühlte und in der er sein Handeln, systematisch abweichend von bestehenden Regelungen, vornahm», so die Bilanz.
Unternehmen: Aufarbeitung des Unglücks
Das Güterzugunternehmen, die Eisenbahngesellschaft Potsdam mbH, für die der Lokführer eingesetzt war, verweist auf erfolgte Verbesserungsmaßnahmen, die auch die Bundesstelle in ihrem Bericht listet: «Seit dem Unglückstag arbeiten wir den Unfall konsequent auf und entwickeln aus den Erkenntnissen unsere internen Vorschriften und Prozesse stetig weiter, um zukünftig derartige Ereignisse soweit möglich zu vermeiden», so eine Sprecherin auf Anfrage.
Laut dem Bericht hat das Unternehmen unter anderem seine Strategien für die Kontrolle von Mitarbeitern mit sicherheitsrelevanten Aufgaben überarbeitet. Außerdem gebe es nun Regeln für die Einsatzplanung von Zeitarbeitskräften, wenn diese bereits bei anderen Auftraggebern Dienstzeiten hatten.
Staatsanwaltschaft prüft Bericht noch
Die Staatsanwaltschaft Paderborn hatte nach dem Unglück die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Der zuständige Staatsanwalt David Schütte teilte auf Anfrage mit, er werde den erst kurzfristig vorgelegten Bericht in den nächsten Wochen auf weitere Ermittlungsansätze prüfen.
