Die deutschen KZ-Gedenkstätten sehen in der Nutzung von Künstlicher Intelligenz Gefahren, aber auch Chancen. (Archivbild)
Die deutschen KZ-Gedenkstätten sehen in der Nutzung von Künstlicher Intelligenz Gefahren, aber auch Chancen. (Archivbild) Foto: Bernd Thissen/dpa

Hamburg/Essen (dpa) – Die deutschen KZ-Gedenkstätten haben Betreiber von Internetplattformen aufgefordert, gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorzugehen. «In den Sozialen Netzwerken tauchen in den letzten Monaten immer mehr massenhaft mit Künstlicher Intelligenz (KI) erstellte Inhalte mit Bezug zum Nationalsozialismus auf, die keine historischen Ereignisse abbilden, sondern frei erfunden sind», heißt es in einem offenen Brief, den die Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme veröffentlichte.


Es kursierten beispielsweise KI-generierte Bilder, die ein angebliches Wiedersehen zwischen Gefangenen und Befreiern zeigten, oder erfundene Szenen weinender Kinder hinter Stacheldraht. Mit Künstlicher Intelligenz würden Inhalte erstellt, die aus Versatzstücken historischer Fakten und emotionalisierter Fiktion bestünden.

Emotionale Bilder generieren Klicks

Hinter diesen Inhalten stehe zum einen das Motiv, Klicks und Werbeeinnahmen zu erzielen. Zum anderen würden diese Inhalte gezielt eingesetzt, um historische Fakten zu verwässern oder Opfer- und Täterrollen zu verschieben. Die Algorithmen der Plattformen begünstigten emotional aufgeladene Inhalte, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt.

«Diese Entwicklung beobachten wir als Einrichtungen historisch-politischer Bildung mit großer Sorge», erklärten die Gedenkstätten. KI-generierte Inhalte veränderten die Sehgewohnheiten der Nutzer, die zunehmend auch authentische historische Dokumente anzweifelten. «Mit jedem dieser Postings wird die Arbeit von Gedenkstätten, Archiven und Forschungseinrichtungen entwertet und ihre Glaubwürdigkeit untergraben», hieß es.

Die Erklärung unter dem Titel «Fake-KI-Bilder verzerren die Geschichte» haben nach Angaben einer Sprecherin des «Netzwerks Digital History and Memory» 49 Gedenkstätten, Museen und Institute unterzeichnet. Sie fordern eine Kennzeichnungspflicht für KI in Sozialen Medien. Die Betreiber der Plattformen sollten gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorgehen. User sollten Beträge solcher Art nicht teilen und auch nicht liken.

Zeitzeugenprojekt mit KI

Zugleich betonen die Autoren des offenen Briefes, dass Künstliche Intelligenz durchaus sinnvoll in der historisch-politischen Bildungsarbeit eingesetzt werden könne. Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, soll in Essen (NRW) auf dem Unesco-Welterbe Zollverein ein neuer Ort der Erinnerung mit moderner Hologramm-Technik und Künstlicher Intelligenz von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) eröffnet werden.

Im Rahmen des Projekts «Holo-Voices» werden Originalaufnahmen von Zeitzeugen fotorealistisch als dreidimensionales Hologramm dargestellt. Mit Hilfe von KI können Besucher nach Angaben des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums den interviewten Personen Fragen stellen. Die KI ermittele dann «die passende Original-Antwort» aus allen Antworten, die die Zeitzeugen zuvor im Interview gegeben haben, «sodass es zu einer lebendigen Interaktion zwischen Fragesteller und Holocaust-Überlebendem kommt», hieß es.