Die Comicfigur Lucky Luke wird 80 Jahre alt.
Die Comicfigur Lucky Luke wird 80 Jahre alt. Foto: Guido Kirchner/dpa

Brüssel/Gütersloh (dpa) – Er ist der Mann, der schneller schießt als sein Schatten: Die Comicfigur Lucky Luke wird 80 Jahre alt. Mitte November 1946 erschien im Magazin «Spirou Almanach 1947» die erste Geschichte mit dem Cowboy. Am 3. November erscheint nun die Jubiläumsausgabe «Heiliger Lucky!» in Deutschland. Gedruckt wurde die Ausgabe in Nordrhein-Westfalen bei Mohn Media in Gütersloh. 


In acht Jahrzehnten hat Lucky Luke im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts viel gesehen: Banditen und Gefängnisausbrüche, Goldrausch, Eisenbahn und Telegraf. Da könnte irgendwann die Frage aufkommen: Was kann ein 80 Jahre alter Cowboy eigentlich noch alles erleben? 

«Flat Earthers» im Wilden Westen 

Die Kulisse im neuen Band «Heiliger Lucky!» ist vertraut wie vor 80 Jahren, doch viele der abgehandelten Themen finden sich in unserer Gegenwart wieder. So trifft der einsame Cowboy gleich zu Beginn auf einen Mann, der ihn vom Weiterreiten abhalten will. Hinter dem Horizont sei die Welt zu Ende. Als Lucky Luke einwendet, auf seiner Landkarte liege dort Nebraska, lässt sich der Mann nicht beirren. Dass die Erde rund sein soll, hält er für «Humbug der Regierung in Washington», die den Leuten das nur einreden wolle, damit sie mehr Steuern zahlten. 

Auch heute gibt es Menschen, die glauben, dass die Erde eine flache Scheibe sei. Sogenannte Flat Earthers (auf Deutsch: Flacherdler) gehen laut Bundeszentrale für politische Bildung etwa davon aus, dass die Antarktis eine Eiswand am Rand der Erde bilde und die Wahrheit darüber verheimlicht werde.

Lucky Luke wundert sich über Verschwörungstheorien

In der nächsten Stadt, in der Lucky Luke Halt macht, ist man bereits ans Telegrafennetz angeschlossen. Neuigkeiten verbreiten sich schneller als früher. Allerdings nicht nur das: Auch Tratsch, Gerüchte und Verschwörungserzählungen machen die Runde. Lucky Luke wundert sich darüber, «wie viel Unsinn durchs Netz ins Haus kommt». 

Das kommt einem aus der heutigen Zeit sehr bekannt vor: Falschinformationen gehören für viele Menschen längst zum Alltag. Einer repräsentativen Studie des Digitalverbands Bitkom vom Mai zufolge stoßen neun von zehn Menschen in Deutschland auf absichtlich verbreitete, falsche oder irreführende Informationen im Netz.

Der Witz des Comics liegt nicht selten in diesen Parallelen: Man ist unverkennbar im Wilden Westen, hört aber Sätze und Argumente, die heute überhaupt nicht fremd klingen. 

Gott als Geschäft

Der Band greift auch ältere Debatten auf. Das gilt vor allem für sein zentrales Thema: Religion und die Frage, was passiert, wenn Glaube mit Macht, Verehrung und Geld zusammenkommt.

Als Lucky Luke einen Prediger vor Banditen rettet, wertet dieser seine Rettung als göttliche Fügung und macht aus dem Cowboy kurzerhand einen Heiligen. Wenig später gründet der gerettete Prediger rund um Lucky Luke eine eigene Glaubensgemeinschaft: den «Lukismus». 

Außerdem haben Bewohner an einem Ort all ihr Erspartes von der Bank geholt, um es der Kirche zu spenden. Im Saloon bringt es eine Figur ziemlich trocken auf den Punkt: Im Wilden Westen könne man sein Geld auf viele dumme Arten verlieren. «Religion ist da definitiv die langweiligste!»

Das lässt sich durchaus als Kirchenkritik lesen. Allerdings nicht als bloße Abrechnung mit dem Glauben selbst. Zielscheibe sind eher Kult, Macht und der Versuch, aus dem Glauben anderer Kapital zu schlagen. 

Wem gehört der Wilde Westen?

Bei aller Komik kommt der Band auch auf eine ernste Vergangenheit, und zwar die Eroberung des «Wilden Westens», zurück. Eine Figur sagt offen, man versuche seit Jahren, die indigene Bevölkerung zu vertreiben, um sich ihr Land anzueignen. Damit rückt an dieser Stelle eine Frage nach vorn, die diese Welt überschattet: Wem gehört das Land und was geschieht beziehungsweise geschah mit den Menschen, die dort längst lebten?

Gerade hier zeigt sich auch ein Widerspruch: Inhaltlich benennt der Band die Verdrängung, sprachlich hält er an Teilen der alten Westernwelt fest. In der deutschen Fassung tauchen weiterhin etwa Bezeichnungen für indigene Menschen auf, die heute als überholt oder abwertend gelten können. Sie werden nicht weiter kommentiert. Das kann man als Treue zum ursprünglichen Ton der Comic-Reihe lesen. Wer solche Begriffe heutzutage nicht mehr lesen möchte, dürfte daran hängenbleiben. 

80 Jahre im Sattel

Erfunden wurde Lucky Luke vom belgischen Zeichner Morris. Ab Mitte der 1950er Jahre prägte René Goscinny als Texter viele Geschichten. Nach Morris‘ Tod 2001 wurde die Reihe weitergeführt. Heute zeichnet der Franzose Achdé die Abenteuer, der ebenfalls aus Frankreich stammende Jul schrieb «Heiliger Lucky!»

Auch außerhalb der Hefte wurde der Cowboy längst zum Popkultur-Klassiker. Neben Zeichentrickfassungen entstanden mehrere Realfilme, so schlüpften Terence Hill und Til Schweiger in die Rolle des einsamen Westernhelden.

Lucky Luke selbst hat sich über die Jahrzehnte verändert. Lange gehörte die Zigarette zu ihm wie das rote Halstuch. 1983 gab der Cowboy das Rauchen auf, seither kaut er immer wieder auf einem Grashalm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zeichnete Morris später für dieses gute Beispiel im Kampf gegen Krebs aus.

Ganz ohne die alten Rituale geht es natürlich nicht. Lucky Luke bleibt der «poor lonesome cowboy», der auch in dieser Geschichte am Ende einsam in den Sonnenuntergang reitet und sein Lied singt.