
Siegen/Düsseldorf (dpa/lnw) – Für Umweltminister Oliver Krischer könnte ein grüner Traum doch noch wahr werden: Im Kreis Siegen-Wittgenstein ist die längst beerdigt geglaubte Debatte über eine Bewerbung um die Ausweisung als Nationalpark neu entbrannt. Im Kern geht es um die Frage, ob das grüne Prestigeprojekt der Region mehr nutzt als schadet. Was manche als Gewinn für Natur und Mensch gleichermaßen sehen, sorgt bei anderen für Kopfschütteln und Ängste.
War nicht ein zweiter Nationalpark für NRW längst vom Tisch?
Lange galt ein zweiter Nationalpark in Nordrhein-Westfalen als abgehakt: 2024 lehnten alle sechs potenziellen Kandidatenregionen das Vorhaben ab und begruben damit, was man als Prestigeprojekt des grünen Umweltministers bezeichnen kann: Die Ausweisung eines weiteren Nationalparks neben dem in der Eifel steht sogar als Ziel im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Regierung.
Krischer äußerte nach dem Scheitern im ersten Anlauf Bedauern. Für jede Region, die doch noch einmal einen Anlauf wagen wolle, werde sich eine «offene Tür finden». Siegen-Wittgensteins Landrat Andreas Müller (SPD) setzte das Thema im März erneut auf die Agenda. Mit knapper Mehrheit beschloss der Kreistag, die Überlegungen wieder aufzunehmen. Am Donnerstag befassten sich Experten in einem Gesprächsforum mit Fragen von Bürgern, Waldbauern, Landwirten, Arbeitgebern oder Naturschützern. Der Beteiligungsprozess solle Grundlage für eine politische Entscheidung liefern, hieß es danach beim Kreis.
Der Minister betonte nach dem Austausch: «Ein Nationalpark Rothaarkamm bietet der Region große Chancen für die Regionalentwicklung, aber er braucht Akzeptanz.» Dafür sei der Dialog vor Ort wichtig. «Klar ist: Die Entscheidung, ob es einen Nationalpark Rothaarkamm geben kann, wird in der Region getroffen», sagte er der dpa.
Um welche Flächen geht es eigentlich?
Im Kern geht es um eine Fläche von gut 4.300 Hektar Staatsforst, die sich in einem Streifen von der Kreisgrenze zu Olpe quer über den Rothaarkamm bis an die hessische Landesgrenze erstreckt. Der Wald gehört dem Land und weist laut vorangegangener Studie des Landes grundsätzlich geeignete Bedingungen auf. Schon jetzt finden sich dort viele besonders geschützte Waldstücke und Naturschutzflächen.
Wie soll die Natur profitieren?
In einem Nationalpark soll sich der Wald auf möglichst großer, zusammenhängender Fläche weitgehend ohne menschlichen Eingriff entwickeln und so einen artenreichen Lebensraum schaffen, erklärt Klaudia Witte. Die Biologin der Universität Siegen ist Vorsitzende des örtlichen Nabu und wirbt im Bündnis «Nationalpark Rothaarkamm» für das Projekt.
Wer «die Natur Natur sein lasse», erhalte einen echten Wald, der gegenüber wirtschaftlichen Nutzforsten in Sachen Biodiversität und Klimaresilienz deutlich überlegen sei, erklärt sie: Großzügige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen könnten entstehen, alte und abgestorbene Bäume wiederum schafften Lebensraum für Pilze, Insekten und Vögel.
Und was soll der Nationalpark den Menschen bringen?
Befürworter Landrat Müller betont den Standortfaktor: «Neben unserer starken Industrie könnte ein Nationalpark ein weiteres wirtschaftliches Standbein für die Region werden, nämlich im Tourismus.» Er könne die Sichtbarkeit der Region steigern, hochwertige Naherholungs- und Tourismusangebote mit neuen Arbeitsplätzen schaffen, so die Kernargumente.
Auch Naturschützerin Witte sieht nicht nur Flora und Fauna als Gewinner: «Es wäre wirklich eine Riesenchance für die Region.» Ein Nationalpark kurbele Tourismus und Gastronomie an, mache die Gegend für dringend benötigte Fachkräfte attraktiver und biete mit Besucherzentren und Rangern einen «großen Mehrgewinn für Schulen und Familien».
Warum stößt das Projekt auf Gegenwind?
Massive Kritik an den Plänen kommt vor allem aus der lokalen Wirtschaft: Die Arbeitgeberverbände und die Industrie- und Handelskammer (IHK) fürchten zusätzliche Flächenbeschränkungen, Risiken für geplante Straßenprojekte und bürokratische Hürden. Die deutliche Mehrheit der Unternehmen in der Region positioniere sich unter den jetzigen Vorzeichen weiterhin gegen einen Nationalpark, teilte die IHK nach einem Gespräch mit dem Umweltminister und dem Landrat mit.
Gerade in einer Zeit, in der viele Unternehmen vor Ort große Probleme hätten, müssten alle Anstrengungen in den Erhalt von Wirtschaft und Arbeitsplätzen gesteckt werden, nicht in teure Projekte mit «ungewissem Ausgang». Sie fürchten zudem jährliche Kosten von 15 bis 20 Millionen aus dem Landeshaushalt – «Geld, das an anderer Stelle in ohnehin klammen kommunalen Kassen fehlt», heißt es in der Mitteilung.
Vor allem die CDU greift vor Ort die Kritik auf: Ihm begegne viel Unverständnis, sagt etwa Hermann-Josef Droege, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag: «Die Menschen fragen sich, ob es in diesen Zeiten nichts Drängenderes gibt als diesen Nationalpark.»
Droege glaubt nicht, dass das Projekt – wie einst in der strukturschwachen Eifel – Impulse für Tourismus und Arbeitsplätze setzen kann. Im Gegenteil. «Da wird einfach nicht mit offenen Karten gespielt» – weder bei den möglichen Folgekosten noch bei drohenden Einschnitten für Landwirtschaft und Infrastruktur. Beispielsweise werde befürchtet, dass der Nationalpark den Bau einer geplanten Straße behindern könnte. Sollte er wachsen, sorgten sich Landwirte zudem, langfristig von angrenzenden Flächen verdrängt zu werden.
Und was sagen Waldbesitzer in der Region?
Es gebe in der Region eine lange Tradition der forstwirtschaftlichen Nutzung, betont der örtliche Waldbauernverband, in dem viele Privatwaldbesitzer organisiert sind. Sie befürchten, dass ein streng geschütztes Areal in ihrer Nachbarschaft Einschränkungen für die eigene Nutzung mit sich bringen könnte.
«Es besteht die Gefahr, dass bislang genutzte Wegerechte dann nicht mehr gelten», sagt Verbandsvorsitzender Andree Georg. Und was, wenn sich in einem sich selbst überlassenen Wald Schädlinge ausbreiten? «Die interessieren sich nicht für Eigentumsgrenzen», sagt Georg. Das gelte auch für Rotwild, dessen Bestände bislang so bejagt würden, dass es in den Wäldern keine allzu großen Schäden anrichten könne.
Wie wahrscheinlich ist ein Nationalpark noch?
Minister Krischer meinte nach dem Bürgerforum, der Kreis habe einen guten Prozess organisiert, bei dem die Menschen sich einbringen könnten. «Viele wichtige Fragen, etwa nach den Auswirkungen auf den geplanten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der Windenergie in der Region, konnten geklärt werden.»
Ob der Kreis tatsächlich ein förmliches Ausweisungsverfahren anstreben wird oder sich abschließend dagegen entscheidet, ist angesichts knapper Mehrheitsverhältnisse im Kreisparlament aber noch offen. Die Entscheidung soll am 13. November in der Sondersitzung fallen. Landrat Müller stellte klar: «Die Abwägung kann nur lauten: Was überwiegt bei einem Nationalpark Rothaarkamm – die Zukunftschancen für den Kreis Siegen-Wittgenstein oder die Risiken? Nur das kann am Ende der Maßstab sein.»
