
Bochum (dpa/lnw) – «Jammern», sagt Oliver Trelenberg, «das ist für mich weggeschmissene Lebenszeit.»
Dabei hätte der Mann, der gerade den elften Sommer quer durch Deutschland radelt, um anderen zu helfen, mehr als einen Grund gehabt, am Leben zu verzweifeln: eine Kindheit voller Gewalt, jahrzehntelanger Alkoholismus, zwei gescheiterte Ehen, Armut, eine Krebserkrankung.
Stattdessen setzte er sich aufs Rad. «Wenn ich auf dem Rad sitze», sagt er, «habe ich keine schlechten Gedanken.» Das ist keine Floskel. Das ist Überlebensstrategie.
Radfahren half Trelenberg erst aus seinen tiefsten Krisen, dann begann er anderen zu helfen, indem er seine Überlebensgeschichte erzählte und bei deutschlandweiten Radreisen Spenden für schwerkranke Kinder sammelte – 110.000 Euro für verschiedene Hilfsprojekte sind so in den vergangenen zehn Jahren zusammengekommen.
Offener Umgang mit schwieriger erster Lebenshälfte
«Mein ganzer Lebensweg ist von vorne bis hinten Scheißdreck gewesen», sagt Trelenberg. Im Gespräch kurz vor Abfahrt zu seiner zweiten Etappe von Bochum nach Oberhausen spricht der große Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf und den vielen Tattoos offen über seine Tiefpunkte: Er wächst auf in einem Elternhaus, in dem gesoffen und geprügelt wird. «Ich habe im Alter von elf, zwölf Jahren angefangen zu saufen und war dann bis 2003 schwerer Alkoholiker», berichtet er. Bis heute arbeitet er die Traumata seiner Kindheit und Jugend in Therapien auf.
Den Hauptschulabschluss schafft er nur knapp, eine Schlosserlehre bricht er ab. Nach einer ersten gescheiterten Ehe säuft er noch mehr als zuvor. «Im Prinzip konnte ich das Leben nur im Suff ertragen. Nüchtern hat mir das Leben irgendwie nicht viel gebracht.»
Der Wendepunkt: Schluss mit dem Trinken
Doch irgendwann hat er genug – dieses Mal von sich selbst: «Jeden Morgen so im Tran wach werden, Restalkohol – das hat mich einfach angekotzt.»
Auch die Aggression, die mit dem Alkohol einhergeht, will er nicht mehr. Er beschließt nicht nur, seine problembeladene zweite Ehe zu beenden, sondern auch mit dem Trinken aufzuhören. Mit einem Schlag, ohne Entzugsklinik. Seither habe er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken, sagt der 60-Jährige aus Hagen nicht ohne Stolz.
Viele Menschen hätten ihn damals belächelt. «Ich glaube, das hat mich noch mehr angespornt.» Schon damals habe das Radfahren geholfen, nicht aus sportlichem Ehrgeiz, eher als Seelenmedizin: «Ich steige aufs Rad, suche mir einen Weg durch die Natur und mir geht’s dann einfach gut», sagt er.
Nächster Schlag: Kehlkopfkrebs
Doch zehn Jahre später stürzt ihn eine Diagnose erneut in eine tiefe Lebenskrise: Er erkrankt an Kehlkopfkrebs. Die Ärzte entfernen einen Teil des Organs – mit täglich spürbaren Folgen. Trelenberg lebt seitdem mit dauerhafter Kurzatmigkeit, bei Überanstrengung gibt es das Risiko eines Kehlkopfkrampfes. Weil der Kehldeckel fehlt, gibt es ein erhöhtes Risiko, an Essen zu ersticken.
«Ich bin dadurch schon schwer eingeschränkt», gesteht er. Doch wichtiger ist ihm die Botschaft, was trotzdem alles geht: Nach der OP schafft er zunächst nur wenige Kilometer, doch von Tour zu Tour werden die Runden größer. Als er 2014 mit Tagestouren 5.000 Kilometer zurücklegt, kommt der Gedanke, daraus etwas Gewinnbringendes für andere zu machen. Dabei hat er selbst kaum etwas: Seine Erwerbsminderungsrente reiche gerade mal zum Überleben.
«Oli radelt»: Das Spendenradeln wird Lebensinhalt und -sinn
Um anderen mit seiner Geschichte Mut zu machen, steigt er seit 2015 jeden Sommer als Spendensammler aufs Rad: Mit einem Stapel Flyer mit der Kurzfassung seiner Lebensgeschichte und der Bankverbindung für ein Spendenkonto im Gepäck tourt er durch Deutschland.
Das Projekt «Oli radelt» ist seither Lebensinhalt und -sinn zugleich. Alle 55 Fernradwege Deutschlands ist er inzwischen zumindest in weiten Teilen abgefahren, seit einigen Jahren mit dem E-Bike. Er hat hunderte Bürgermeister getroffen, Hände geschüttelt, immer wieder Spendenschecks in Kameras gehalten.
Bei seiner ersten Reise, erinnert sich Trelenberg, hatte er den Bürgermeister seiner Geburtsstadt Schwerte als Schirmherr gewinnen können und für den örtlichen Kinderhospizverein gesammelt. Es sei ihm damals auch darum gegangen, sein öffentliches Bild geradezurücken: In der Stadt, in der er die erste Lebenshälfte verbrachte, habe er sich immer beäugt gefühlt. «Dann haben die Leute gesehen: Guck mal, das ist gar nicht mehr der Typ, der immer nur besoffen auf der Kirmes rumgelegen hat. Der macht jetzt was anderes.»
Lieber allein – trotzdem nah am Menschen
Die Reisen sind akribisch geplant: Jedes Jahr an Weihnachten wälzt er Radtourenbücher, plant Etappe um Etappe. «Um in dieser Zeit ohne Familie nicht rückfällig zu werden oder in depressive Stimmung zu verfallen, hecke ich lieber meine Touren aus.» Silvester schreibt er dann die Stadtverwaltungen seiner Etappenziele mit der Bitte um Unterstützung an. Sie sind es auch, die ihm ein Hotelbett organisieren und sein Projekt vor Ort bekanntmachen.
Trelenberg fährt dabei immer alleine. Er will sich nicht für die Pausen rechtfertigen müssen, die er benötigt. Will auch niemandem erklären, warum er lieber nicht in den Biergarten geht. «Ich kann einfach meine Tour so für mich genießen.» Und: «Ich will ja nicht wie die Axt im Walde über die Bahntrassen preschen. Ich will ja Menschen begegnen.»
Mit den meisten komme er wegen des Trikots ins Gespräch: «Radeln für den guten Zweck» steht darauf. Ist die Neugier geweckt, erzählt er von seinem Projekt, von den Spendenmöglichkeiten. Bargeld nehme er nicht an. «Ich bin nicht aufdringlich. Mir kommt es auch nicht darauf an, ob und wie viel jemand gibt.»
Vom Rand der Gesellschaft bis zum Bundespräsidenten
Sein Engagement für andere hat Trelenberg inzwischen ganz besondere Türen geöffnet: Bei einem Empfang beim Bundespräsidenten konnte er Frank-Walter Steinmeier von seinem Projekt erzählen. Vor drei Jahren überreichte ihm NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Auszeichnungen seien nicht sein Antrieb, stellt er schnell klar. Und doch: «Ich komme aus der Gosse, vom Rande der Gesellschaft. Da ist natürlich die höchste Auszeichnung des Landes schon eine geile Sache.»
Bis Mitte August wird Trelenberg dieses Mal unterwegs sein – knapp 5.000 Kilometer auf mehr als 80 Etappen durch zwölf Bundesländer stehen an – über das Ruhrgebiet und das Münsterland führt ihn sein Weg schließlich zunächst nach Niedersachsen, weiter an die Küsten von Nord- und Ostsee und schließlich über Brandenburg und Thüringen bis in den Süden Deutschlands und wieder zurück nach NRW.
Auch danach plant der Spendensammler nicht, sich zur Ruhe zu setzen. «Ich mache das, bis ist tot vom Rad falle. Bis der Blitz hinten einschlägt», sagt er und grinst.
