Vreden (dpa/lnw) – Hüpfende Moorfrösche, singende Weidenmeisen, alte Birken und nasse Torfmoospolster – wo der unbedarfte Spaziergänger einen grünen Wald sieht, entdeckt der Biologe Jan Ole Kriegs allerlei kleine Naturwunder. «Das ist ein Wahnsinns-Lebensraum geworden», sagt der Leiter des LWL-Museums für Naturkunde Münster.
Im Lüntener Wald im Westmünsterland an der niederländischen Grenzen soll ein wissenschaftlich begleitetes Wiedervernässungssprojekt in den kommenden Jahren ausloten, wie groß der Beitrag von Mooren für die Biodiversität und den Klimaschutz tatsächlich ist. Beteiligt sind das Museum, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Waldeigentümer und die Universität Münster.
Von der Holzgewinnung zurück zur Ursprungslandschaft
Vor mehr als 100 Jahren hatten die kommunalen Eigentümer die einst 75 Hektar große Moorwald- und Heidefläche mit einem tiefen Graben entwässert und mit Kiefern und Roteichen aufgeforstet. Holz war im Münsterland knapp und sollte der Region wirtschaftliche Perspektiven schaffen. Auch, weil sich die kommerziellen Hoffnungen längst zerschlagen haben, soll der Lüntener Wald nun wieder Moor werden – und zeigen, welchen Nutzen Moorwälder haben können. «Das Projekt soll auch Vorbildcharakter haben», betont Kriegs.
Intakte Moore gibt es nur noch wenige. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums sind in Deutschland mehr als 90 Prozent der Moorböden entwässert worden – für Land- und Forstwirtschaft oder Torfabbau. Bund und Länder treiben die Wiedervernässung seit Jahren voran, Fördergelder für Renaturierungen stehen bereit. In Nordrhein-Westfalen engagieren sich auch Naturschutzverbände wie der BUND in mehreren Wiedervernässungsprojekten, etwa an der Bergischen Heidetrasse zwischen Ruhr und Sieg.
Hektarweise Potenzial für Moor-Renaturierungen in NRW
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat in NRW mehr als 23.000 Hektar ehemalige Moorfläche identifiziert, die sich grundsätzlich für eine Renaturierung eignen. Es handelt sich überwiegend um Übergangs- und Niedermoore, wie sie auch im Lüntener Wald wieder entstehen sollen.
Im Herbst 2025 begannen die Beteiligten, das Wasser mit Baumstämmen im Entwässerungsgraben zurückzuhalten. So soll der Wasserstand bis auf Waldbodenhöhe steigen. Der Wald werde zum Wasserspeicher, moortypische Moose könnten sich ausbreiten, erklärt Kriegs. In den tiefsten Bereichen steht dann das Wasser in flachen Moorweihern.
«Man sieht, wie der Wald atmet»
Wie schnell die Natur profitieren konnte, zeigt Kriegs am feuchten Boden. Er greift neben seinen Gummistiefeln in den Boden, holt eine Handvoll brauner Fasern hervor, die einmal Torfmoos waren. Im sauren, sauerstoffarmen Boden werden sie über die Jahrhunderte zu einer wachsenden Torfschicht gepresst. Anders als im humusreichen Waldboden, wo sie verrotten und CO2 freisetzen, speichert das Moor große Mengen des Treibhausgases – so die gängige wissenschaftliche Annahme.
Im Lüntener Wald wollen Forschende den Klimaeffekt durch Vorher-Nachher-Messungen genau bestimmen – ein laut Kriegs einmaliger Ansatz. Ein 30 Meter hoher Gerüstturm, eineinhalbmal so hoch wie die Baumwipfel, steht im Projektgebiet. An seiner Spitze messen Wissenschaftler der Universität Münster in Echtzeit Kohlendioxid und weitere klimarelevante Gase. «Man sieht, wie der Wald atmet», sagt Kriegs. Vor der Wiedervernässung habe die Fläche durch Verrottung mehr CO2 ausgestoßen als gespeichert. «Wenn wir diesen Prozess stoppen könnten, wäre das schon ein Erfolg.»
Nasse Vegetation: Besserer Waldbrandschutz?
Oben auf dem Turm reicht der Blick über den Anfang September noch sattgrünen Moorwald. Auch wenn der Sommer viele sonst nasse Bereiche ausgetrocknet habe, sei der Boden weiter feucht – mit wichtigem Effekt: Mit Wasser versorgte Bäume könnten sich besser gegen Schädlinge schützen, sagt Kriegs. «Man hat auch das Gefühl, dass es schwerer gewesen wäre, einen solchen Wald in Brand zu setzen.» Nach zahlreichen Bränden auch in NRW, etwa im Hürtgenwald und im Sauerland, forderten Umweltverbände wie der BUND mehr Tempo bei der Wiedervernässung.
Zurück am Moorboden zeigt Kriegs, wie Flora und Fauna von der Feuchtigkeit profitieren: Pflanzen saurer, nährstoffarmer Böden wie Gagelstrauch und Glockenheide gedeihen prächtig. Als wichtigste Torfbildner breitet sich das Torfmoos großflächig aus. «Dort hinten hat plötzlich eine ganze Gruppe Moorlilien geblüht, wunderschön», schwärmt der Biologe.
Viele Arten erobern den Lebensraum zurück
Mit den Moorpflanzen kommen auch die auf den Lebensraum spezialisierten Tiere zurück: «Hören Sie das? Dädä! Dädä!» Kriegs ahmt den Ruf einer Weidenmeise nach. Der im Münsterland fast ausgestorbene Vogel fühle sich im Lüntener Wald wieder wohl: 13 Brutpaare habe Kriegs in diesem Jahr gezählt. Die Meise hackt ihre Nisthöhlen meist selbst in morsches, weiches Holz. Im Moor, das die vor der Aufforstung dominierende Moorbirke Stück für Stück zurückerobern soll, findet sie bereits reichlich aufragende Totholzstämme für den Nestbau.
Aus nahegelegenen Mooren auf niederländischer Seite seien erste Argusbläulinge herübergeflattert. Der bedrohte Falter ist auf Moore angewiesen. Auch seltene Libellenarten könnten bald zurückkehren, erzählt Kriegs, während er einem Moorfrosch nachstellt. Von der Feuchtigkeit haben die Arten der Moore und feuchten Wälder schon in kurzer Zeit profitiert. «Das Gebiet hat ein Riesenpotenzial», sagt Kriegs. Für die Natur – und für die Wissenschaft, die den Wandel noch weitere Jahre begleiten wird.

