Podiumsdiskussion mit Dirk Wittmer, Peer Steinbrück, Michael Radau Moderiert wurde der Empfang von Gisela Steinhauer, Bild: Alexander Heinz
Podiumsdiskussion mit Dirk Wittmer, Peer Steinbrück, Michael Radau Moderiert wurde der Empfang von Gisela Steinhauer, Bild: Alexander Heinz

Ratingen (AH) | Der Jahresempfang der Handelsverbände im Ballsaal des Düsseldorfer Hyatt Regency war am Dienstagabend weit mehr als ein Branchentreffen mit Grußworten und Menüfolge. Schon das Programm zeigte, dass der Abend politisch grundiert sein würde: Nach der Begrüßung durch Dr. Peter Achten, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes NRW, folgten die Reden von Präsident Michael Radau und dem früheren Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, ehe eine Podiumsdiskussion mit Steinbrück, Radau und Dirk Wittmer den Bogen in die Praxis schlug. Moderiert wurde der Empfang von Gisela Steinhauer.


Den klarsten moralischen Ton setzte Michael Radau. Er verzichtete bewusst auf die üblichen Klagen des Handels über Bürokratie, Personalmangel, Energiekosten oder Kaufzurückhaltung und rückte stattdessen ein anderes Wort ins Zentrum: Haltung. Radau machte deutlich, dass sich der Handel nicht in die Rolle des bloßen Kommentators flüchten dürfe. Wer wirtschaftlich Verantwortung trage, müsse auch demokratisch Haltung zeigen, gegen Hetze, gegen Rassismus, gegen Desinformation und gegen das bequeme Spiel mit „eigenen Fakten“. Sein Appell zielte auf eine aktive Verteidigung des demokratischen und regelbasierten Gemeinwesens.

Für Ratingen ist das mehr als eine fern klingende Grundsatzrede. Gerade eine Stadt mit starkem Mittelstand, lebendiger Innenstadt und vielen inhabergeführten Betrieben lebt davon, dass wirtschaftliche Freiheit, Verlässlichkeit und ein respektvoller öffentlicher Ton zusammengehören. Radaus Botschaft lässt sich deshalb auch lokal lesen: Der Handel vor Ort braucht nicht nur Kaufkraft, sondern ein Klima der Fairness, der Offenheit und des Vertrauens.

Peer Steinbrück spannte den größeren Bogen und beschrieb die Gegenwart als echten Paradigmenwechsel. Seine Diagnose: Deutschland und Europa stehen nicht mehr nur vor einzelnen Krisen, sondern vor einer Verdichtung von Umbrüchen, sicherheitspolitisch, wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich. Steinbrück sprach von einer Zeitenwende, in der Geoökonomie zunehmend von Geopolitik verdrängt werde. Lieferketten, Rohstoffe, Technologie und Märkte seien längst keine rein ökonomischen Fragen mehr, sondern Teil strategischer Interessen. Europa müsse darauf mit mehr Geschlossenheit, mehr Reformtempo und mehr Umsetzungsstärke reagieren.

Auch das lässt sich auf Ratingen herunterbrechen. Für eine Stadt mit vielen Pendlern, starker Unternehmenslandschaft und enger Anbindung an Düsseldorf, den Flughafen und internationale Märkte heißt das: Die großen weltpolitischen Verschiebungen bleiben eben nicht abstrakt. Sie wirken bis in die Innenstädte, in Sortimente, Preise, Investitionsentscheidungen und die Stimmung von Verbrauchern hinein. Wenn Steinbrück mehr Staatsmodernisierung, mehr Digitalisierung und mehr Mut zur Reform fordert, dann betrifft das eben auch die kommunale Ebene, vom Tempo von Genehmigungen bis zur Qualität wirtschaftsnaher Verwaltung.

Eine wichtige Rolle in diesem Spannungsfeld kommt Dirk Wittmer zu. Er ist seit 2003 Vorstandsvorsitzender des Handelsverbandes NRW-Rheinland. Zugleich ist Wittmer in Ratingen seit Jahrzehnten eine feste Größe: als prägender Kopf hinter Johann + Wittmer beziehungsweise Euronics in Ratingen, als langjähriger Akteur im Stadtmarketing und als Vorsitzender von „Aktiv für Ratingen“.

Gerade deshalb war seine Präsenz auf dem Podium mehr als nur protokollarisch. Wittmer verkörpert die Verbindung zwischen den großen Linien des Verbandes und der konkreten Handelswirklichkeit vor Ort. Wer in Ratingen über Innenstadtentwicklung, Kundenfrequenz, Standortqualität und die Zukunft des stationären Handels spricht, kommt an seiner Erfahrung kaum vorbei. Dass ausgerechnet ein Ratinger diese Perspektive in Düsseldorf mit auf das Podium bringt, verleiht dem Abend aus hiesiger Sicht zusätzliches Gewicht.

So blieb vom Empfang vor allem ein Satzgedanke hängen: Es reicht nicht mehr, auf bessere Zeiten zu warten. Akzeptiert werden muss, dass diese Zeiten bereits andere geworden sind. Der Paradigmenwechsel ist da. Die Frage ist nur, ob Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihn gestalten oder sich von ihm treiben lassen. Der Handelsverband hat in Düsseldorf jedenfalls den Versuch unternommen, aus Diagnose wieder Handlungsbereitschaft zu machen. Und das war an diesem Abend vielleicht die wichtigste Botschaft.

Zum Ende des Abends brachte Dirk Wittmer einen Gedanken auf den Punkt, der über den Handel weit hinausweist: Menschen sind zu hoher Leistung bereit, wenn sie das, was sie tun, mit Freude, Sinn und einer erkennbaren Perspektive verbinden können. Genau darin liegt eine zentrale Verantwortung für alle, die in dieser Gesellschaft gestalten, führen oder mitentscheiden. Ob im Ehrenamt, im Handel, in der Politik oder in der Verwaltung, überall stellt sich dieselbe Frage: Gelingt es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Motivation nicht ersticken, sondern freisetzen? Gerade in Zeiten des Umbruchs ist das mehr als eine nette Begleitidee. Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag.