Ratingen | Der Spiegelsaal im Ratinger Brauhaus war wieder einmal der Ort, an dem Karneval nicht angekündigt, sondern gelebt wird: Laut, herzlich, bunt – und diesmal so gut besucht, dass die erwartete Besucherzahl schon früh zur Randnotiz wurde. Mit bester Laune bewaffnet und in unterschiedlichsten Kostümen strömten die Jecken hinein und stellten damit nicht nur die Logistik der Ratinger Jonges e.V., sondern auch die Abläufe im Brauhaus vor unerwartete Herausforderungen.
Dass trotz des Andrangs bald wieder Struktur in den Saal kam, lag vor allem an der ruhigen, besonnenen Art des Baas Edgar Dullni. Und an einem Mann, der an diesem Tag nicht nur ein Requisit, sondern gleich ein ganzes Stück Stadtgeschichte im Gepäck hatte: Udo Kuklick – samt seiner „originalen“ Daumenschraube, die spätestens bei der Begrüßung durch den Vorstand dafür sorgte, dass sich die Energie im Raum kurz bündelte, bevor sie wieder in Jubel und Lachen überging.
Denn Kuklick ist nicht irgendein Karnevalsgast in Verkleidung. Sein Auftritt hat Tiefgang – und verbindet die jecke Bühne mit dem Stadtjubiläum: Er war bis 2005 unter anderem 19 Jahre im Kulturamt der Stadt Ratingen tätig und damals auch für Stadtwerbung aktiv. In dieser Rolle hat er sich mittelalterliche Kleidung beschafft und eine Daumenschraube nachgebaut – „etwas größer als das Original“, wie er augenzwinkernd erzählt. In dieser Montur trat er auf Reisemärkten und in anderen Städten als „Dumeklemmer“ auf: als historische Figur des Ratinger Landrichters, mit dem die Stadt öffentlichkeitswirksam ihre Geschichte und ihren eigenen, leicht schrägen Humor präsentierte. Zeitweise bekam diese Inszenierung sogar „Begleitung“: durch die Sagengestalt des Mönchs Suitbertus, der den Hratuga-Leuten das Christentum bringen wollte.
Heute ist Udo Kuklick 82 – und nach Jahren medizinischer Probleme wieder so weit „an Bord“, dass er die Figur des Dumeklemmers zum Stadtjubiläum erneut auferstehen lassen möchte. Deshalb wird er nicht nur bei den Jonges, sondern auch bei Karnevalsveranstaltungen der Lebenshilfe in eben dieser historischen Montur dabei sein. Es sind genau solche Details, die einer Veranstaltung Charakter geben: Hier feiert man nicht nur – hier schwingt Heimat mit, Erinnerung, Stolz, und das gute Gefühl, dass Tradition nicht im Museum steht, sondern mitten unter den Menschen.
Neben dem Auftritt der Angermunder Tanzgruppe brauchte es keine fünf Minuten, bis Heinz Hülshoff mit seinem Ski-Lehrer-Lied die Stimmung nach der Begrüssung durch den Vorstand, wieder auf Rekordniveau katapultierte. Der Saal machte spätestens da genau das, was er an solchen Tagen am besten kann: mitsingen, mitlachen, mitgehen.
Fast filmreif wirkte dabei der Kontrast nach draußen: Vor den Fenstern sanken leise Schneeflocken herab, drinnen aber wuchs das Zusammengehörigkeitsgefühl mit jedem Refrain. Das war kein „Programm abspulen“, das war ein Vormittag, der sich selbst trägt – durch Menschen, die ihn wollen.
Neben Jürgen Hilger und den weiteren Programmpunkten, die das jecke Tempo hielten, sorgten vor allem die bewährten Brauhaus-Konstanten für das, was man im Rheinland schlicht „Wohlbefinden“ nennt: frisch gezapftes Bier, legendäre Brauhausfrikadellen und Schnittchen – alles, was dafür sorgt, dass aus „kurz reinschauen“ ein „Wir bleiben noch“ wird.
Am Ende blieb das Fazit, das sich im Spiegelsaal praktisch von selbst schreibt: „Jecke Jonges fiere!“ ist mehr als ein Termin – es ist ein Stimmungsgarant. Eine Veranstaltung, die zeigt, wie Karneval in Ratingen funktioniert: nahbar, generationenübergreifend, mit Herz – und mit einem Dumeklemmer, der nicht nur eine Daumenschraube, sondern gleich ein Stück Stadtidentität wieder mitbringt.



