Ratingen. Zwischen Rathaus, Mittelstand und Startup-Ideen entsteht in Ratingen gerade etwas, das man bislang eher aus Großstädten kennt: eine eigene Gründerszene. Einer der Köpfe dahinter ist Louis Steininger. Gemeinsam mit Mitgründer Sascha Kühn hat er den Ratinger Living Room in der Innenstadt längst vom klassischen Coworking-Space zur Plattform für Gründer, Netzwerke und Innovationsförderung ausgebaut.
Damit hat das Team des Living Rooms Ratingen eine Lücke in der lokalen Gründungslandschaft geschlossen: „Ratingen hat alles, was eine starke Wirtschaft ausmacht“, sagt Steininger. „Was noch gefehlt hat, war ein Ort für junge Selbstständige, Freelancer und Gründer.“ Viele Ideen seien bisher entweder im Homeoffice geblieben oder direkt in größere Städte wie Düsseldorf abgewandert. Genau dort habe das Projekt angesetzt – nicht als Konkurrenz zu den Metropolen, sondern als lokale Alternative mit kurzen Wegen. „In Düsseldorf bist du einer von tausend Startups“, erläutert Steininger. „In Ratingen kennt dich die Wirtschaftsförderung beim Namen und du sitzt nach drei E-Mails mit dem Geschäftsführer eines lokalen Unternehmens am Tisch“.
Diese Nähe scheint ein entscheidender Faktor für die Entwicklung zu sein. Denn rund um den Living Room ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk entstanden, das zunehmend Politik, Wirtschaft und Gründerszene verbindet. Ein sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung ist der Innovationsförderpreis Ratingen, der vom Living Room gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Stadt initiiert wurde. 2026 gingen rund 90 Bewerbungen aus der Rhein-Ruhr-Region ein, die besten zehn Teams wurden in ein mehrwöchiges Mentoring-Programm aufgenommen. Bürgermeister Patrick Anders übernahm die Schirmherrschaft des Wettbewerbes. „Leute suchen nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern Begleitung, Mentoring und Sichtbarkeit“, erklärt Steininger. Der Coworking-Space sei heute vor allem die physische Basis – „drumherum sei ein Netzwerk entstanden“.
Dieses Netzwerk zeigt sich auch in neuen Formaten wie dem Living Room Podcast, in dem Gründer aus der Region ihre Geschichten erzählen. Ziel sei es, Unternehmertum sichtbar zu machen und lokale Vorbilder zu schaffen. „Gründungsgeschichten sind ansteckend“, betont Steininger. „Wenn jemand aus Ratingen erzählt, dass er etwas aufgebaut hat, sieht hier vielleicht zum ersten Mal jemand anderes, dass das möglich ist“. Die Entwicklung geht dabei über reine Community-Arbeit hinaus. Aktuell arbeitet das Team am Aufbau eines „Gründerhauses Ratingen“ – einem Ort mit festen Startup-Teams, Workshops, Hochschulangeboten und Investorenformaten. Auch die Stadt hat dafür bereits eine Anschubfinanzierung bereitgestellt.
Parallel dazu soll der Innovationsförderpreis weiter ausgebaut werden, unter anderem mit neuen Programmen für junge Gründer und Schülerteams. Ziel sei es, Gründung stärker im lokalen Umfeld zu verankern – nicht als Ausnahme, sondern als feste Option. Steiningers Motivation ist dabei klar formuliert: „Ich habe selbst angefangen ohne Netzwerk und ohne familiäres Vorbild“, erklärt er. „Vieles was man sich am Anfang erarbeiten muss, könnte leichter sein, wenn es die richtigen Strukturen gibt.“ Mit diesem Ansatz beschreibt Steininger zugleich die langfristige Richtung des Projekts: Ratingen soll nicht nur ein Wirtschaftsstandort etablierter Unternehmen sein, sondern auch eine feste Adresse für junge Gründer werden. „Wir wollen die europäische Antwort auf das amerikanische Silicon-Valley-Narrativ greifbar machen“, resümiert er. „Mit Mittelstand statt VC-Geld.“

