
Ratingen | Karneval ist in Ratingen mehr als ein Termin im Kalender – er ist ein öffentliches Versprechen, dass diese Stadt für ein paar Tage näher zusammenrückt: auf dem Marktplatz, in den Sälen, am Zugweg, zwischen Altstadt und Stadtteilen. Gerade in einer Stadt, die groß genug für viele Milieus ist und gleichzeitig nah genug bleibt, dass man sich „kennt“, wirkt Karneval wie ein sozialer Knoten: Man trifft Nachbarn, Kolleginnen, Vereinsfreunde – und plötzlich sind Hierarchien egal. Man duzt, lacht, singt, diskutiert. Und ja: man hält es auch mal miteinander aus.
Das ist kein Zufall, sondern rheinisches Prinzip. Karneval ist die kulturell erlaubte „verkehrte Welt“ – und damit ein Ventil. Aber Ratingen macht daraus etwas Eigenes: nicht Kölns „Alaaf“, nicht Düsseldorfs große Bühne, sondern Dumeklemmer-Stadt mit klarem Ruf: „Helau“ gehört hier hin. Und wer das einmal erlebt hat, versteht schnell, warum das so wichtig ist: Diese Stadt hat viele Traditionslinien (Heimatvereine, Schützen, Sport, Stadtteile) – Karneval ist der Moment, in dem all das in einem gemeinsamen Klang aufgeht.
Ein zweiter Punkt macht Ratingen besonders: die starke Kinder- und Familienachse. In RaKiKa e.V. heißt es ausdrücklich: „Ob Jung oder Alt, ob Groß oder Klein, jeder ist Willkommen“ – und wenn in Lintorf die Kamelle fliegen, startet der Zug traditionell um 14:11 Uhr. Dieser Fokus auf Nachwuchs ist mehr als Folklore: Er sorgt dafür, dass Brauchtum nicht museal wird, sondern weitergegeben.
Drittens lebt Ratingen von einer gut geölten Vereinslandschaft. Der Karnevalsausschuss der Stadt Ratingen e.V. (gegründet 1968) beschreibt den eigenen Stellenwert mit einem Satz, der im Brauchtum fast wie ein Gütesiegel klingt: „Wenn es den KA nicht gäbe, müsste man ihn dringend erfinden.“ Das ist natürlich Selbstbewusstsein – aber es trifft einen Kern: Ohne Kümmerer, Zugorganisation, Regeln, Abstimmung und das viele Ehrenamt gäbe es keine sichere, verlässliche „fünfte Jahreszeit“.
Wie tief das in den Menschen sitzt, zeigen Zitate, die nicht aus PR-Sprech kommen, sondern aus gelebter Karnevalswirklichkeit. Der Ratinger Sänger und „singende Wirt“ Heinz Hülshoff nennt die Auftritte in Seniorenheimen, Krankenhäusern oder bei der Lebenshilfe „den ehrlichsten und aufrichtigsten Karneval“ – weil dort „so viel Wärme und Herzlichkeit“ zurückkommt. Karneval als Dienst an der Lebensfreude: Das ist eine sehr “Ratinger” Lesart.
Auch in schwierigeren Zeiten blieb dieser Wille spürbar. Peter Hense, damals Vorsitzender des Karnevalsausschusses, beschrieb 2021 das Ringen um Normalität – und die Entscheidung, trotzdem nach vorne zu schauen: Man sei „zuversichtlich“, dass die Session wieder „weitestgehend normal“ gefeiert werden könne. Karneval als Signal: Wir lassen uns das Miteinander nicht abgewöhnen.
Und manchmal sind es kleine Sätze, die eine ganze Stadt erklären. Als das Prinzenpaar Prinz Roland I. (Session 2018) bei den Ratinger Jonges e.V. zu Gast war, staunte der Prinz im historischen Ambiente: „In einer solchen Räumlichkeit waren wir noch nie.“ Genau diese Mischung ist Ratingen: bodenständig und traditionsreich, nahbar und doch voller Geschichte.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Karneval hier so wichtig ist: Ratingen ist keine Stadt, die ihre Identität aus einem einzigen Zentrum bezieht. Sie setzt sich zusammen – aus Altstadt und Ortsteilen, aus Brauchtum und Gegenwart, aus „Helau“ und Heimatgefühl. Karneval macht daraus jedes Jahr wieder eine gemeinsame Erzählung. Und wenn die Stadt ruft, dann eben so, wie es sich für Dumeklemmer gehört: Ratingen – Helau.
