Ratingen | Wenn ein Museum 100 Jahre alt wird, ist das mehr als ein Jubiläum, es ist eine Selbstvergewisserung darüber, wie eine Stadt mit Kunst denkt, sammelt und Zukunft entwirft. Genau das unternimmt das Museum Ratingen mit der großen Ausstellung „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“ vom 13. März bis 16. August 2026. Die Schau versteht sich als bewusst choreografierter Parcours durch Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation sowie Foto und Video. Das Museum lädt dabei ausdrücklich zu einer offenen, assoziativen Rezeption ein, Besucherinnen und Besucher sollen sich frei durch die Konstellationen bewegen und eigene Bezüge zwischen den Positionen herstellen.
Im Zentrum steht die städtische Kunstsammlung, deren Profil seit den 1980er Jahren durch gezielte Ankäufe systematisch geschärft wurde. Zugleich wird transparent, wie sehr ein Haus wie das Museum Ratingen von kooperativen Netzwerken lebt, vom Engagement der Freunde und Förderer, von Nachlässen, Schenkungen und Dauerleihgaben. Diese Sammelgeschichte ist kein Fußnotenapparat, sondern Teil der kuratorischen Dramaturgie, sie macht sichtbar, wie kulturelles Kapital in einer Kommune entsteht, gepflegt wird und Wirkung entfaltet.
Vom Informel bis zur Gegenwart
Die Ausstellung spannt den Bogen von 1945 bis heute und setzt dabei auf produktive Reibung: Werke des Ratinger Künstlers Peter Brüning (1929–1970), dessen Œuvre vom Informel ausgehend eine deutliche Entwicklung der künstlerischen Handschrift zeigt, werden mit Arbeiten von Bernard Schultze, Cy Twombly und Fritz Winter kombiniert und jüngeren Positionen gegenübergestellt. Brüning, der seit den 1950er Jahren in Ratingen lebte und arbeitete, wird so nicht als lokales Aushängeschild isoliert, sondern als Knotenpunkt eines größeren Nachkriegspanoramas verhandelt.
Inhaltlich setzt die Jubiläumsschau zwei starke Akzente: Zum einen fokussiert sie geometrische und lyrische Abstraktion, zum anderen rückt sie Darstellungen architektonischer und urbaner Strukturen in den Vordergrund. Hier entfaltet sich der Ausstellungstitel „Linie Fläche Raum“ als Vokabular der Moderne, als Grammatik des Bildes und zugleich als Raumerfahrung im Museum.
Stadt als Motiv, Raster als Sprache
Besonders plastisch wird dieser Gedanke an Positionen, die den Stadtraum in abstrakte Bildlogiken übersetzen. Driss Ouadahi, der in Düsseldorf und Paris lebt, verbindet in seiner Malerei abstrakte architektonische Formsprachen mit Stadtstrukturen, die aus europäischen und afrikanischen Kontexten gespeist sind. Seine Arbeiten verhandeln Urbanität als Topografie, Raster, Segmentierung, als soziale und visuelle Ordnung, die sich in der Bildfläche verdichtet.
Der Fotograf Ralf Brueck wiederum arbeitet mit Architektur als Bildlabor. Er rekonstruiert und dekonstruiert Räume, erzeugt Ambivalenzen zwischen dokumentarischer Präzision und künstlerischer Manipulation, bis Architektur in Unschärfe, Verzerrung und Abstraktion kippt, eine Bildwelt, die den vermeintlich stabilen Baukörper in Wahrnehmung verwandelt.
Ein in Ratingen besonders anschlussfähiger Fixpunkt ist das großformatige Gemälde „BLAUER SEE“ von Birgit Jensen, Acryl auf Leinwand, 200 × 280 cm, das zur Sammlung gehört und den Blauen See nicht als Postkartenidyll, sondern als malerisch verdichtetes Farb- und Landschaftsereignis behandelt.
Mit Marcus Schwier und Anne Schülke richtet die Ausstellung den Blick explizit auf Ratingen-West, einen Stadtteil, der sich wie ein verdichtetes Modell urbaner Gegenwart lesen lässt. In ihren Foto- und Videoarbeiten kann West fast wie eine magische Live-Umsetzung erscheinen, als würde die Stadt selbst zur Bühne und der Alltag zum fortwährenden Tableau vivant. Zugleich wirkt der Stadtteil wie eine überdimensionale Camera obscura, jene wundersame „Dunkelkammer“, in der die Außenwelt durch eine kleine Öffnung als lebendige Projektion in einen Innenraum fällt, seitenverkehrt und kopfstehend, und gerade deshalb mit einer eigentümlichen, poetischen Schärfe sichtbar wird.
In dieser optischen Verzauberung liegt eine Wahrheitsprüfung: historisch gewachsener Lebensraum trifft hier auf den gut gemeinten Planungsüberschwang, der sich im Kontakt mit der Wirklichkeit bisweilen als zu groß, zu glatt, zu stark durchkonstruiert erweist, ein städtebaulicher Idealismus, der an der Realität verpufft. Und doch entsteht aus genau dieser Reibung ein eigenständiger Klangraum, zwischen naturnahem Umfeld und einer reich wuchernden Bildungslandschaft, die nicht nur Gebäude, sondern auch Möglichkeiten, Wege, Biografien und Zukunftsentwürfe in den Stadtteil einschreibt.
Ergänzend zu den bereits hervorgehobenen Werkgruppen versammelt die Jubiläumsschau eine ganze Reihe weiterer künstlerischer Positionen, die das Spannungsfeld von Gestus und Geometrie, Material und Zeichen, Bildfläche und Raumkörper in sehr unterschiedlichen Handschriften öffnen. Vertreten sind Michael Buthe, Henriette Grahnert, Horst Keining, Jan Kolata, Rune Mields, Neringa Naujokaite, Markus Oehlen, Stefanie Pürschler, Zipora Rafaelov, Eun Nim Ro, Julian Schnabel, Max Schulze, Emil Schumacher, Antoni Tàpies und Hann Trier. In dieser Dichte wird die Ausstellung auch zu einer Art kartografischem Querschnitt durch zentrale künstlerische Fragestellungen seit der Nachkriegszeit, von informellen und materiellen Bildauffassungen über konzeptuelle Setzungen bis hin zu zeitgenössischen Erweiterungen in Fotografie, Video und Installation.
„Punkt und Linie zu Fläche“ als Echo
Dass in dieser Auseinandersetzung mit Abstraktion rückblickend Wassily Kandinskys Schrift „Punkt und Linie zu Fläche“ anklingt, ist kein Zufall, sie erschien 1926, im Jahr der Museumsgründung. Die Schau liest sich damit auch als Reflexion über die Moderne selbst: über Komposition, Rhythmus, Materialität, über das Verhältnis von Bildraum und realem Raum, von Hängung und Architektur, von Sammlung und Institution.
Museum als kulturelle Infrastruktur
Wer in Ratingen über Kultur spricht, kommt am Museum Ratingen kaum vorbei. Das Haus vereint die städtische Sammlung moderner Kunst mit einer kulturhistorischen Abteilung zur Geschichte Ratingens. Der Sammlungsschwerpunkt liegt auf moderner Kunst von der Nachkriegszeit bis heute, Skulpturen werden zudem im Projekt „Kunstweg“ in Beziehung zur Landschaft vermittelt. Genau diese Verbindung, Kunst im Haus und Kunst im Stadtraum, macht den Stellenwert des Museums für eine kulturell geprägte Stadt aus: Es ist Ausstellungsort, Gedächtnis, Bildungsraum und identitätsstiftende Plattform zugleich.
Ergänzend eröffnet am 29. Mai 2026 die Ausstellung „Bauen als Kulturbeitrag. Die Architektur des Museum Ratingen“. Das Thema Architektur ist dabei mehr als Kulisse, es geht um das Museum als gebautes Argument, um Raumabfolgen, Lichtführung, Proportion und jene museale Infrastruktur, die Kunst überhaupt erst erfahrbar macht. Der Titel spielt auf ein Verständnis von Architektur als Kulturleistung an, wie es auch dem Ratinger Architekten Bruno Lambart zugeschrieben wird.
Termine und Programm
Ausstellung „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“
13. März bis 16. August 2026, Museum Ratingen, Grabenstraße 21, Dienstag bis Sonntag sowie feiertags 11 bis 17 Uhr.
Sonntag, 22. März 2026, 11.30 Uhr: Tag der Demokratiegeschichte, Rundgang durch Ausstellung und stadtgeschichtliche Abteilung, mit Dr. Sebastian Barteleit und Anne Rodler, ab 11 Uhr Kaffee
Dienstag, 24. März 2026, 18 Uhr: Vortrag Dr. Klaus Wisotzky, „Die Anfänge des Ratinger Museums 1926 bis 1945“, in Kooperation mit den Freunden und Förderern
Dienstag, 31. März bis Donnerstag, 2. April 2026, jeweils 9 bis 12 Uhr: Ferienkurs für Kinder ab 6 Jahren
Donnerstag, 23. April 2026, 19 Uhr: Festessen mit dem Prunkgeschirr der Künstlergruppe Die Langheimer, veranstaltet von den Freunden und Förderern
Sonntag, 3. Mai 2026, 3-Türme-Fest, 14.00 Uhr: Rundgang mit Wiebke Siever
Sonntag, 17. Mai 2026, Internationaler Museumstag: 11.30 Uhr Brick Art mit Cole Blaq, 15.00 Uhr Rundgang mit Zola Brandau
Freitag, 29. Mai 2026, 19 Uhr: Eröffnung „Bauen als Kulturbeitrag. Die Architektur des Museum Ratingen“, kuratiert von Dr. Alexandra Apfelbaum
Donnerstag, 18. Juni 2026, 18 Uhr: Begegnung mit Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung
Donnerstag, 25. Juni 2026, 18 Uhr: Vortrag Dr. Alexandra Apfelbaum, „Architektur für die Kunst. Bruno Lambart im Spannungsfeld der deutschen Museumsarchitektur“
Öffentliche Sonntagsführungen: 19. April 2026, 14. Juni 2026, 12. Juli 2026, jeweils 11.30 Uhr
Individuelle Führungen und Workshops für Kitas und Schulen: Buchung unter 02102-550-4184 oder per Mail an museum@ratingen.de

