
Ratingen | Die Diskussion um eine neue CO₂-Pipeline entlang der A3 erreicht den Rat: Die Fraktion der Bürger-Union fordert, dass die Stadtverwaltung die Planungen zum Leitungsbauvorhaben „Delta Rhine Corridor“ in öffentlicher Sitzung erläutert – einschließlich der Haltung der Verwaltung. Hintergrund ist ein Trassenkorridor, der energieintensive Standorte an Rhein und Ruhr mit Rotterdam und künftigen CO₂-Speicherstätten unter der Nordsee verbinden soll. In der Bürger-Union-Darstellung würde die Leitung auch Ratingen berühren – konkret in den Bereichen Homberg, Hösel und Lintorf.
Der Antrag zielt nicht nur auf Transparenz, sondern auch auf eine politische Weichenstellung. Kritisiert wird, dass das Thema in Ratingen bislang lediglich als nicht-öffentliche Mitteilungsvorlage vorgesehen gewesen sei. Zeitgleich wird auf die Nachbarstadt Hilden verwiesen, wo eine Befassung in öffentlicher Sitzung ansteht – inklusive einer städtischen Stellungnahme zum Projekt.
Inhaltlich begründet die Bürger-Union ihre Forderung mit Risiken und Eingriffen: CO₂ ist schwerer als Luft und kann sich im Störfall bodennah sammeln – ein Umstand, der aus Sicht der Fraktion bei Planung, Trassenwahl und Notfallkonzepten besonders sorgfältig bewertet werden müsse. Zudem wird der geplante Leitungsdurchmesser von 800 Millimetern als erheblich beschrieben – auch im Vergleich zu älteren Pipelineprojekten. (In der Region wird parallel öffentlich darüber debattiert, ob baubedingte Eingriffe in Natur und Landschaft durch eine Trassenführung entlang sensibler Räume vertretbar sind.)
Dass Ratingen bei Pipeline-Themen besonders sensibel reagiert, hat einen Grund: Die Auseinandersetzung um die Kohlenmonoxid-(CO)-Pipeline der damaligen Bayer MaterialScience wirkt bis heute nach. Die rund 67 Kilometer lange Leitung zwischen Dormagen und Krefeld-Uerdingen verlief bzw. verläuft nach damaliger Berichterstattung auch durch Duisburg, Düsseldorf, Hilden – und Ratingen; sie war wegen der Gefährlichkeit des geruchlosen Atemgiftes CO und wegen der Nähe zu Wohngebieten höchst umstritten. Bürgerinitiativen und Umweltverbände kritisieren bis heute, dass das Projekt trotz jahrelanger Proteste nicht „endgültig“ vom Tisch sei. Auch die Bürger-Union selbst hatte den Widerstand über Jahre politisch begleitet.
Neu ist nun, dass es beim Delta-Rhine-Corridor nicht um CO, sondern um CO₂ geht – und damit um Infrastruktur, die im Kontext von „Carbon Management“, Industrie-Transformation und möglichen CCS/CCU-Ketten diskutiert wird. Als Vorhabenträger werden in der öffentlichen Debatte u. a. die Open Grid Europe genannt, die ihr Netz perspektivisch auch als Trägerin einer CO₂-Transportinfrastruktur sieht. Zudem kursieren bereits behördliche Unterlagen zur Methodik von Raumverträglichkeitsprüfungen im Delta-Rhine-Corridor-Kontext, was auf einen fortgeschrittenen Vorbereitungsstand hindeutet.
Die Bürger-Union macht deshalb Druck: Planungsbeteiligungen, so die Forderung, gehörten grundsätzlich in die Öffentlichkeit. Der Rat solle zeitnah erfahren, was genau geplant wird, welche Trassenkorridore realistisch sind, welche Schutzgüter betroffen wären – und wie die Stadt Ratingen ihre Interessen gegenüber Projektträgern und Behörden einbringen will. Gleichzeitig stellt die Fraktion in den Raum, später auch eine Bürgerinformationsveranstaltung zu beantragen.
