Blick in den Multi-Purpose-Raum von Schalom am letzten Sonntag bei der Feier, Bild: Schalom e.V.
Blick in den Multi-Purpose-Raum von Schalom am letzten Sonntag bei der Feier, Bild: Schalom e.V.

Ratingen | Pfingsten hat als christliches Fest auch einen jüdischen Verwandten, Schawuot. Fünfzig Tage nach Pessach gedenkt Schawuot – auf Hebräisch so viel wie „Wochen” – dem Moment, in dem Gott dem jüdischen Volk am Berg Sinai die Tora übergab. (Raawi) Das Fest markiert den Beginn einer bis heute andauernden Liebesgeschichte zwischen einem Volk und seinem Gesetz und es hat, neben seiner tiefen religiösen Bedeutung, auch einen landwirtschaftlichen Ursprung als Fest der Weizenernte und der Erstlingsfrüchte. (Hagalil)


Wer am Sonntag in die Räume des jüdischen Kulturvereins Schalom e.V. in Ratingen kam, erlebte, wie lebendig dieser jahrtausendealte Feiertag sein kann.
Nach und nach füllte sich der Saal mit Mitgliedern, Freunden und Gästen, und mit ihnen der Raum mit Stimmen, Düften hausgemachter Speisen und jener Wärme, die sich nicht planen lässt. Besonders gefreut hat den Vereinsvorsitzenden Vlad Ilstein der Besuch einer Delegation aus Leverkusen unter der Leitung von Lev Ismikhanov, dem Vorsitzenden des dortigen Vereins Davidstern – eine jener Begegnungen, bei denen alte Freundschaft einem Fest erst sein eigentliches Gewicht gibt.
Den geistigen Mittelpunkt des Morgens bildete ein Schiur von Rav Benzion Kaplan über die Bedeutung von Schawuot, die Übergabe der Tora und die Verantwortung des Menschen. Was hätte als formeller Vortrag daher kommen können, geriet zu einem ruhigen Gespräch, in dem jeder Anwesende seinen eigenen Gedanken nachspüren konnte. Schawuot betont dabei die wichtige Rolle, die das Moralgesetz im Leben von Nationen und von Einzelnen spielen muss (Hagalil) – eine Botschaft, die in Kaplans Worten an diesem Sonntagmorgen hörbar wurde, ohne dass sie jemand laut hätte aussprechen müssen.
Einer der am weitesten verbreiteten Bräuche zu Schawuot ist der Verzehr von Milchprodukten (Raawi) , und so warteten im Anschluss an den Schiur ein reich gedeckter Brunch und das freie Gespräch auf die Gäste. Man wechselte von Tisch zu Tisch, teilte Neuigkeiten, erinnerte sich an frühere Begegnungen – und genoss schlicht das Beisammensein.
Es gibt Feiertage, die mit dem Abend verblassen. Schawuot bei Schalom in Ratingen war, so Vlad Ilstein, keiner davon.