Der Januar ist traditionell der Monat der Neujahrsempfänge. Gerade Parteien nutzen solche Termine üblicherweise, um öffentlich Bilanz zu ziehen, Prioritäten zu benennen und den politischen Kurs fürs neue Jahr zu erklären. In Ratingen fällt diese politische „Jahresauftakt-Bühne“ 2026 jedoch auffällig schmal aus.
Nach Auswertung öffentlich zugänglicher Ankündigungen und lokaler Terminhinweise sind im Zeitraum 1. bis 31. Januar in Ratingen nur zwei parteipolitische Neujahrsempfänge öffentlich angekündigt: der Neujahrsempfang der FDP Ratingen am 6. Januar 2026 im Ratinger Brauhaus (mit Gastredner Ahmad Mansour) sowie der traditionelle Neujahrsempfang der CDU Ratingen-Mitte am 9. Januar 2026 im Museum Ratingen mit einem Vortrag des Bürgermeisters Patrick Anders über seinen Start ins Amt und einem Ausblick auf seine Priorisierungen für das kommende Jahr.
Das ist bemerkenswert, weil der Rat der Stadt seit der Kommunalwahl 2025 wieder deutlich stärker fragmentiert ist: Im Rat sind mehrere Parteien vertreten – darunter CDU, Grüne, Bürger-Union, SPD, FDP, AfD, Die PARTEI und Linke. Umso mehr stellt sich die Frage, warum der politische Jahresauftakt in der Öffentlichkeit fast ausschließlich bei zwei Veranstaltern stattfindet.
Neujahrsempfänge sind nicht nur „gesellschaftliche Pflichttermine“. In vielen Kommunen werden sie explizit als Anlass verstanden, eine Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen und einen Ausblick auf kommende Aufgaben zu geben – also Rechenschaft und Agenda in einem Format, das Bürgernähe herstellen kann. Kommunikations- und Kommunalpolitik-Fachliteratur betont seit Jahren, dass politische Öffentlichkeitsarbeit vor Ort über reine Pressearbeit hinausgehen muss, wenn Vertrauen und Dialog entstehen sollen. In einer Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung heißt es sinngemäß: Klassische Pressearbeit reiche nicht aus, um öffentliche Meinung zu prägen oder „in den Dialog“ mit Bürgerinnen und Bürgern zu treten; strategische Kommunikation solle vom bloßen Reagieren zum proaktiven Handeln führen. Auch die Bertelsmann Stiftung beschreibt die Kommunalpolitik als unter Druck: Mitgliederschwund, Nachwuchsprobleme und sinkende Wahlbeteiligung deuteten darauf hin, dass Kommunalpolitik viele Bürger immer weniger zum Mitmachen reize – und dass nachhaltige Lösungen eher in Netzwerk, Dialog und gegenseitiger Wertschätzung gelingen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die geringe Zahl öffentlich sichtbarer politischer Neujahrsempfänge in Ratingen wie eine verpasste Chance der objektiven Selbstdarstellung im kritischen Kontext. Wer keine Bühne schafft, überlässt Deutung und Bewertung leichter dem Zufall: Social-Media-Schnipseln, Gerüchten, Lagererzählungen – oder schlicht dem Eindruck, Politik ziehe sich in interne Zirkel zurück. Dabei wäre gerade der Jahresbeginn eine Gelegenheit, das eigene Handeln transparent zu machen: Was wurde erreicht? Was blieb liegen – und warum? Welche Projekte werden 2026 priorisiert? Welche Zielkonflikte bestehen?
Natürlich kann es gute Gründe geben, auf einen klassischen Neujahrsempfang zu verzichten: Ressourcen, Termindichte, der Wunsch nach anderen Formaten (Bürgerdialoge, Quartiersgespräche, digitale Sprechstunden). Nur: Wenn diese Alternativen öffentlich nicht sichtbar sind, entsteht ein kommunikatives Vakuum. Und das ist in einer Stadt mit vielen im Rat vertretenen Parteien ein verschenktes Instrument – gerade weil ein Neujahrsempfang im besten Fall mehr ist als Festrede und Häppchen, nämlich ein niedrigschwelliger Ort für politische Rechenschaft, Streitkultur und Orientierung.
Wenn Ratingens Politik „Bewunderung statt Verwunderung“ erzeugen will, beginnt das nicht zuletzt mit dem Mut, sich öffentlich zu erklären – auch dort, wo es unbequem wird.

