Ratingen | Die neue Flüchtlingsunterkunft an der Gothaer Straße in Ratingen-West ist errichtet – und dennoch zeigten sich bei einer Informationsveranstaltung im Stadtteil viele Bürgerinnen und Bürger überrascht von der konkreten Umsetzung. Genau diese Spannung stand im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung „Wir in West“ am 24. Januar auf dem Berliner Platz, einer gemeinsamen Aktion von SPD, Grünen, Bürger-Union, CDU, Linke und Die PARTEI: Wie kann es sein, dass Politik und Verwaltung auf ein ordnungsgemäßes, öffentliches Verfahren verweisen – und trotzdem ein Teil des Stadtteils das Gefühl hat, erst sehr spät von den Fakten erfahren zu haben?
Aus Sicht der politischen Akteure sei das Vorgehen nachvollziehbar und regelkonform gewesen. Christian Wiglow, Fraktionsvorsitzender der SPD und Vorsitzender des Sozialausschusses im Stadtrat, zeigte sich selbst überrascht über die „Überraschung bei der Umsetzung“.
Die Verwaltung habe, so Christian Wiglow, seit dem Ursprungsbeschluss Mitte 2024 in jeder Sitzung des damaligen Integrationsrat und des Sozialausschusses über den Umsetzungsstand und die Entwicklung der Zahlen der Geflüchteten berichtet. Alle Fraktionen haben das mitbekommen und waren informiert. Auch die Besichtigung der Anlage vor Bezug war ein Beschluss aus Integrationsrat und Sozialausschusses.
Zugleich verwies Wiglow auf eine einzuhaltende Abfolge öffentlicher Informationsweitergabe: Entscheidungen könnten nicht bekannt gemacht werden, bevor sie tatsächlich getroffen seien. Komme es etwa durch Feiertage oder organisatorische Zwänge zu Verschiebungen, könne im ungünstigsten Fall sogar die sichtbare Umsetzung vor einer breiten Informationsweitergabe liegen – „die schlechteste Alternative“, wie er sinngemäß betonte.
Die Bürgerkritik setzte jedoch weniger am „Ob“ als am „Wie“ an. Hauptsächlich bemängelt wurde, dass Informationen ausgerechnet um Weihnachten verteilt worden seien – also zu einem Zeitpunkt, an dem viele Menschen weniger erreichbar sind. Hinzu komme, dass die Verteilung nach Angaben von Anwohnern nur im Umkreis von etwa 250 Metern rund um die errichtete Anlage erfolgt sei. Der Stadtteil als Ganzes habe sich dadurch ignoriert gefühlt. Auch der Termin der ersten größeren Informationsveranstaltung am 8. Januar wurde kritisiert: Vielen erschien er entweder ungünstig früh nach den Feiertagen oder – in Kombination mit bereits sichtbaren Maßnahmen vor Ort – zu spät, um noch das Gefühl echter Teilhabe zu vermitteln.
Inhaltlich bemühten sich die politischen Vertreter, die erwarteten Auswirkungen für Ratingen-West einzuordnen. Wiglow sprach von einer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Stadtteils verschwindend geringen Zahl zusätzlicher Bewohner. Zudem handele es sich um eine Zwischenlösung: Untergebracht würden anerkannte Geflüchtete, die zum Teil bereits seit längerer Zeit in Ratingen leben.
Wegen der Anrechnung der Landeseinrichtungen müsse Ratingen, so Wiglow, nur anerkannte Geflüchtete aufnehmen, die alle eine Arbeitsmarktzugang haben und entweder arbeiten (rd. 50% derer, die auf die Gothaer Straße kommen) bzw. durch Förderung des Jobcenters auf dem Weg in Arbeit sind.
Damit sei es aus seiner Sicht eher eine Frage begrenzter Zeit, bis sich für viele ein Umzug in regulären Wohnraum ergebe – sobald passende Angebote verfügbar sind.
Stefan Heins, Fraktionsvorsitzender der CDU, stellte vor allem die Betreuung und die Kommunikation in den Vordergrund. Er kündigte an, dass es nicht nur eine gute Begleitung der Geflüchteten durch die Caritas geben werde, sondern auch ein Quartiersmanager sein Büro am Berliner Platz beziehen solle. Dieser solle als Ansprechpartner für Fragen und Sorgen der Bürgerschaft dienen. Darüber hinaus seien weitere Maßnahmen zur Informationsweitergabe geplant, damit die Bürgerinnen und Bürger jederzeit über Entwicklungen im Stadtteil auf dem Laufenden bleiben.
Jamal Al Masude, Vorsitzender des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration (vormals Integrationsrat), warb für zusätzliche Wege, um Befürchtungen abzubauen: Entscheidend sei, persönlichen Kontakt zu ermöglichen. Begegnung könne helfen, Annahmen zu überprüfen, Missverständnisse zu klären und gegenseitige Sorgen zu entkräften. Der Ansatz: weniger übereinander reden, mehr miteinander sprechen – bevor sich Unsicherheit verfestigt.
Rainer Vogt von der Bürger-Union betonte wiederum den langen politischen und auch öffentlich gemachten Vorlauf. Man habe sich ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt, Alternativen diskutiert und verworfen. Am Ende sei es parteiübergreifend zu einstimmigen Ergebnissen in den zuständigen Beratungen gekommen – als Lösung unter dem Druck realer Platzprobleme und teils schwieriger Unterbringungsbedingungen. Optimal sei das Ergebnis nicht, räumte er ein, aber eine bessere Alternative habe es unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht gegeben.
So bleibt vor allem eine Erkenntnis: Zwischen „Transparenz“ im formalen Sinne und „Transparenz“ im erlebten Sinne kann eine Lücke entstehen. Die politischen Akteure verweisen auf die korrekte Gremienabfolge und die rechtlichen Bindungen. Viele Bürgerinnen und Bürger bewerten dagegen Reichweite und Timing der Information – und fühlen sich, trotz vorhandener Dokumentation, nicht erreicht. Genau an dieser Stelle dürfte sich entscheiden, ob die angekündigten Maßnahmen – Quartiersmanagement, fortlaufende Information und Begegnungsformate – Vertrauen wieder aufbauen können.

