„100 % vegan“, „laktosefrei“ oder „glutenfrei“ sind in diesem Fall keine Qualitätskriterien, sondern verschleiern die Gefahr, Bild: VZ NRW
„100 % vegan“, „laktosefrei“ oder „glutenfrei“ sind in diesem Fall keine Qualitätskriterien, sondern verschleiern die Gefahr, Bild: VZ NRW

Ratingen | Die Verbraucherzentrale NRW warnt mit ungewöhnlicher Deutlichkeit vor einem Trend, der im Internet harmlos daherkommt, tatsächlich aber erhebliche Gesundheitsrisiken birgt. Produkte wie die sogenannte „Lugolsche Lösung“ werden online teils mit Begriffen beworben, die eher an Nahrungsergänzungsmittel als an ein stark jodhaltiges Chemikalienprodukt erinnern. Genau darin liegt nach Einschätzung der Verbraucherschützer die große Gefahr.


Denn bei der Lugolschen Lösung handelt es sich keineswegs um ein Mittel zur unbedenklichen Verbesserung der Jodversorgung. Vielmehr ist sie ein früher in der Medizin verwendetes Desinfektionsmittel zur äußeren Anwendung, das heute fast nur noch im Labor genutzt wird. Die Verbraucherzentrale NRW rät deshalb ausdrücklich von einer Einnahme ab. „Von der Einnahme muss klar abgeraten werden“, sagt Angela Clausen, Expertin für Nahrungsergänzungsmittel bei der Verbraucherzentrale NRW. Die Dosierungen seien so hoch, dass der Konsum gesundheitsgefährdend werden könne.

Wie drastisch diese Warnung zu verstehen ist, zeigen die Zahlen. Bereits ein einziger kleiner Tropfen einer fünfprozentigen Lugolschen Lösung enthält rund 6,3 Milligramm Jod, also mehr als das 40-Fache der empfohlenen Tageszufuhr für Erwachsene. Selbst die von Fachleuten als unproblematisch angesehene langfristige Höchstmenge wird damit um ein Vielfaches überschritten. Die Folgen können massiv sein. Fachleute warnen vor schweren Funktionsstörungen der Schilddrüse, bis hin zu Unterfunktion oder Kropfbildung.

Besonders problematisch ist aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW, dass viele Online-Angebote die Produkte in einer Weise darstellen, die den Ernst der Sache verschleiert. In einem Marktcheck wurden 14 verschiedene Angebote untersucht. Dabei fanden sich Angaben wie „vegan“, „laktosefrei“, „glutenfrei“ oder sogar Hinweise, wie man sie sonst von Nahrungsergänzungsmitteln kennt. Teilweise wurden Dosierempfehlungen genannt, teilweise auch gesundheitsbezogene Aussagen verwendet, die in diesem Zusammenhang irreführend wirken. Genau diese Aufmachung kann den Eindruck erwecken, es handele sich um ein normales Ergänzungsprodukt für den Alltag. Das ist nach Einschätzung der Verbraucherschützer ein gefährlicher Irrweg.

Hinzu kommt, dass sich in sozialen Medien und auf Verkaufsplattformen immer wieder Behauptungen finden, mit solchen Lösungen lasse sich das Immunsystem stärken, ein Jodmangel selbst feststellen oder sogar gegen Schilddrüsenerkrankungen und andere schwere Leiden vorgehen. Für solche Aussagen gibt es nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW keine Grundlage. Im Gegenteil: Der extrem hohe Jodgehalt kann dem Körper schaden statt zu nützen.

Dabei ist der Hintergrund durchaus ernst zu nehmen. Die Jodversorgung in Deutschland gilt als verbesserungswürdig. Weniger jodiertes Salz, veränderte Essgewohnheiten und der Verzicht auf tierische Produkte tragen dazu bei. Doch daraus folgt gerade nicht, dass hochkonzentrierte Laborlösungen eingenommen werden sollten. Für nachgewiesenen Jodmangel gibt es zugelassene und angemessen dosierte Arzneimittel. Ein Zuviel an Jod bringt keinen gesundheitlichen Vorteil.

Die Warnung der Verbraucherzentrale NRW ist deshalb klar und eindringlich: Wer seiner Jodversorgung etwas Gutes tun will, sollte nicht auf dubiose Internetprodukte mit bedenklicher Aufmachung setzen. Wo „Laborzwecke“ draufsteht, sollte das auch als Warnsignal verstanden werden und nicht als versteckter Gesundheitstipp. Gerade bei Stoffen, die tief in den Hormonhaushalt eingreifen können, ist vermeintliche Selbstoptimierung aus dem Netz kein harmloses Experiment, sondern ein riskantes Spiel mit der eigenen Gesundheit.