Ratingen | Geschichte als trockene Jahreszahlensammlung? Genau das will das Oberschlesische Landesmuseum am Samstag, 21. März, widerlegen. Um 12 Uhr zeigt das Haus in Hösel den 36-minütigen Film „Ein europäischer Konflikt – Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“, anschließend folgt eine Gesprächsrunde mit Dr. Frank Mäuer. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung war bis 19. März per E-Mail an vermittlung@oslm.de
vorgesehen. Das Museum versteht sich ausdrücklich als Ort, an dem Geschichte nicht nur bewahrt, sondern diskutiert und vermittelt wird, mit einer breiten Sammlung aus Kunst, Alltagskultur, Technik, Bild- und Schriftgut zur Geschichte Oberschlesiens.
Der Stoff des Mittags hat es in sich. Die Volksabstimmung vom 20. März 1921 gehörte zu den neuralgischen Punkten der europäischen Nachkriegsordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Auf Grundlage des Versailler Vertrags sollte die Bevölkerung Oberschlesiens über ihre staatliche Zugehörigkeit entscheiden. Am Ende votierte eine Mehrheit für Deutschland, zugleich zeigte sich ein scharfes regionales Gefälle zwischen eher deutsch geprägten Städten und stärker polnisch orientierten ländlichen Gebieten. Doch die Entscheidung fiel eben nicht in einem friedlichen Vakuum. Propaganda, massiver politischer Druck und gewaltsame Auseinandersetzungen überschatteten die Abstimmungszeit, ehe der Völkerbund die Teilung der Region beschloss. Gerade darin liegt die beklemmende Aktualität des Films, weil er nicht nur historische Fakten referiert, sondern sichtbar macht, wie umkämpft Erinnerung, Deutung und nationale Erzählungen bis heute sein können.
Spannend ist dabei auch der Zugriff des Films: Deutsche und polnische Historikerinnen und Historiker, darunter Prof. Małgorzata Myśliwiec und Dr. Guido Hitze, blicken gemeinsam auf ein Kapitel, das allzu leicht in nationalen Lesarten erstarrt. Das macht die Veranstaltung mehr als nur zu einem Dokumentarfilmtermin. Sie wird zu einem Angebot, europäische Geschichte im Dialog zu betrachten, gerade dort, wo Grenzverschiebungen, Zugehörigkeit und Identität nicht abstrakt, sondern existenziell waren.

Wer das Museum in den nächsten Wochen besuchen möchte, findet dort noch mehr Anknüpfungspunkte. Bereits am Sonntag, 22. März, steht um 15 Uhr eine öffentliche Führung durch die Dauerausstellung mit Leonhard Wons auf dem Programm. Am Samstag, 28. März, folgt von 13 bis 16 Uhr ein Oster-Special mit Körbchen-Werkstatt und anschließender Ostereiersuche. Abseits einzelner Termine lohnt derzeit auch die Sonderausstellung „Tradition trifft Kunsthandwerk – Ostern in Oberschlesien“, die noch bis 12. April zu sehen ist und kunstvoll verzierte Ostereier sowie Einblicke in oberschlesische Osterbräuche präsentiert. Anfang April setzt sich das Programm mit dem Vortrag „#oslmontour: Zwischen Tradition und Vermittlung: Osterbräuche in Oberschlesien“ am 2. April, öffentlichen Führungen durch die Sonderausstellung am 5. und 12. April sowie dem nächsten filmischen Gesprächskreis am 11. April fort. Am 18. April schließt sich mit „Farbenfrohe Gartenfreu(n)de“ der nächste Familiennachmittag an.
Unterm Strich ist das eine jener Veranstaltungen, die zeigen, was ein spezialisiertes Museum leisten kann: Es holt ein vermeintlich fernes Thema in die Gegenwart, ohne es zu vereinfachen. Wer also nicht nur konsumieren, sondern verstehen will, bekommt hier am Samstag Gelegenheit dazu, mitten in Ratingen-Hösel.

