
Wülfrath. Betroffenheit, ungläubiges Kopfschütteln und zahlreiche Fragen. Der historische Mordfall von Flandersbach aus dem Jahr 1907 hat die Gäste im Niederbergischen Museum Wülfrath bewegt.
Eingeladen hatten das Niederbergische Museum, die Gleichstellungsstelle und das Frauen-Netzwerk Wülfrath. Nach einer Stadtführung zum Thema „Frauenbilder“ las Christa Hoffmann im Museum aus dem Buch „Mord in Flandersbach“. Franca Calvano, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wülfrath, moderierte die Gesprächsrunde mit drei Expertinnen, die den Fall aus historischer, kriminalpolizeilicher und sozialpädagogischer Sicht beleuchteten.
Im Mittelpunkt stand das Schicksal von Anna Hamm, deren Ehemann Wilhelm Hamm 1907 ermordet wurde. Die damals hochschwangere Mutter eines dreijährigen Kindes geriet früh unter Verdacht. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf sie, andere mögliche Täter gerieten kaum in den Blick. Anna Hamm wurde verhaftet und später zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Erst Jahre später wurde das Verfahren erneut aufgerollt. Erhebliche Zweifel an den ursprünglichen Ermittlungen und der Verurteilung kamen auf. Anna Hamm wurde aus der Haft entlassen, aber nie rehabilitiert. 52 Jahre lang kämpfte sie um Gerechtigkeit, ohne jemals eine Entschädigung zu erhalten. Der Makel der Verurteilung blieb. Wer ihren Mann tatsächlich ermordet hatte, wurde nie geklärt.
Manfred Hoffmann stellte zunächst den Autor Johannes Großkortenhaus und dessen Lebensgeschichte vor. Dr. Jutta de Jong, Historikerin, seit 1991 Leiterin des Museums und später auch Kulturamtes, berichtete über die Entstehung des Buches „Mord in Flandersbach“, das sie redaktionell betreut und gestaltete.
Christa Hoffmann, die sich intensiv mit dem historischen Mordfall beschäftigt hatte, las im Anschluss daraus ausgewählte Passagen vor.
Besonders die Schilderungen der damaligen Ermittlungen lösten Fassungslosigkeit aus. Der eigens aus Berlin herbeigeholte Ermittler, dessen zweifelhafte Methoden erst später ans Licht kamen, hatte sich früh auf Anna Hamm als Täterin festgelegt und ein ausgesprochen negatives Bild von ihr gezeichnet.
Kriminalhauptkommissarin Diane Dulischewski von der Kreispolizeibehörde Mettmann erläuterte, wie heute bei vergleichbaren Tötungsdelikten ermittelt wird. Moderne Methoden der Spurensicherung und -auswertung, etwa die Untersuchung von DNA-, Faser- und Fingerabdruckspuren, bieten heute Möglichkeiten, die 1907 noch nicht zur Verfügung standen. Ebenso wichtig sei eine sorgfältige und ergebnisoffene Ermittlungsarbeit.
Renate Tertel, Diplom-Sozialarbeiterin und Familientherapeutin, richtete den Blick auf die betroffenen Kinder. Sie erläuterte, wie Mütter und Kinder heute im offenen Vollzug gemeinsam untergebracht und pädagogisch begleitet werden können. Dabei steht das Kindeswohl im Vordergrund. Ein deutlicher Unterschied zur damaligen Situation, als Anna Hamms Kinder nach ihrer Inhaftierung von der Mutter getrennt wurden.
Die Aufmerksamkeit des Publikums blieb bis zum Schluss ungebrochen. Zahlreiche Fragen und Wortmeldungen führten zu einem lebhaften Austausch über damalige und heutige Ermittlungsverfahren, den Umgang mit Beschuldigten und die Folgen einer Inhaftierung für Angehörige.
„Justizirrtümer betreffen nicht nur Frauen. Doch unabhängig von den begrenzten Ermittlungsmöglichkeiten der damaligen Zeit lässt sich der Fall kaum losgelöst von der damaligen Stellung der Frau betrachten. Wie schnell Anna Hamm als Schuldige feststand, wie negativ sie öffentlich dargestellt wurde und wie wenig man ihr glaubte, macht das besonders deutlich“, sagte Gleichstellungsbeauftragte Franca Calvano zum Abschluss des Nachmittags.



