Ratingen | Donnerstagabend, großer Saal der Stadthalle, Jahreshauptversammlung der Ratinger Jonges, und schon früh war klar: Dies würde kein Abend werden, an dem man sich lange in Routine flüchtet. Zwar standen zunächst das auf der Tagesordnung, was in einem traditionsreichen Heimatverein nun einmal dazugehört, das Gedenken an verstorbene Mitglieder, Ehrungen für langjährige Treue, Rückblicke auf das vergangene Jahr und Ausblicke auf Projekte und Programm. Doch über all dem lag ein Thema wie ein schwerer Schatten: die Aufnahme des Ratinger AfD-Ratsmitglieds Bernd Ulrich im vergangenen Jahr und die bis heute nachwirkende Erschütterung im Verein.
Baas Dr. Edgar Dullni machte in seinem Eingangsstatement noch einmal deutlich, in welchem Spannungsfeld diese Entscheidung gefallen war. Die Aufnahme sei aus seiner Sicht rechtlich und mit Blick auf die im Verein hochgehaltenen Grundsätze der Überparteilichkeit und politischen Neutralität vertretbar gewesen, klug sei sie deshalb noch lange nicht gewesen. Genau in diesem Satz steckte das ganze Dilemma des Abends: zwischen formalem Anspruch und politischer Wirklichkeit, zwischen Satzungstreue und öffentlichem Flächenbrand. Öffentlich hatte Dullni bereits erklärt, er bedaure zutiefst, Gefühle in der Mitgliedschaft verletzt zu haben, weise aber zugleich jede Unterstellung zurück, er oder der Vorstand hätten rechtsextremes Gedankengut unterstützt.
Die Aussprache fiel entsprechend ausführlich und emotional aus. Einige Mitglieder zeigten Verständnis für einen Umgang, der niemanden allein aufgrund eines Parteibuchs von vornherein ausgrenzen will. Andere äußerten deutliches Befremden darüber, dass ausgerechnet bei einem politischen Hintergrund, den viele für unvereinbar mit dem Selbstverständnis des Vereins halten, so lange auf Neutralität gepocht wurde. Es war ein Abend, an dem nicht nur Meinungen aufeinanderprallten, sondern auch zwei Lesarten desselben Vereins: hier der Heimatverein als bewusst unpolitischer Raum, dort der Heimatverein als Wertegemeinschaft mit klaren Grenzen.
Dullni warb dabei, wie zu hören war, ausdrücklich für eine sachliche Auseinandersetzung statt eines politisch aufgeheizten öffentlichen Meinungs- und Vermutungsdiskurses. Das war wohl einer der treffendsten Sätze des Abends. Denn genau daran krankt die Debatte seit Wochen: Zu viel Empörung, zu viel Lagerdenken, zu viel Deutung aus zweiter Reihe. Zu wenig ruhige Klärung im eigenen Haus. Schon vor der Versammlung war öffentlich beklagt worden, dass der Verein zunehmend von außen unter Druck gesetzt werde, statt seine Fragen intern zu verhandeln.
Am Ende zog der Baas die Konsequenz und stellte die Vertrauensfrage. Er übernahm persönlich die Verantwortung für den gesamten Vorgang und bat die Mitglieder um ein klares Votum. Dieses fiel deutlich aus: 149 Ja-Stimmen, 36 Nein-Stimmen und 11 Enthaltungen. Mehr als zwei Drittel der anwesenden Mitglieder sprachen Edgar Dullni damit das Vertrauen aus. Er nahm das Ergebnis an und kündigte an, dem Verein weiter mit voller Kraft zur Verfügung zu stehen. Zugleich machte er deutlich, dass er das nur auf Grundlage einer breiten Rückendeckung tun wolle. Und noch einen Satz setzte er hinterher, der nachhallen dürfte: Während seiner weiteren Amtszeit werde es keine Aufnahme von AfD-Parteimitgliedern mehr geben.
So endete der Abend mit einer Bestätigung des Vorsitzenden, aber keineswegs mit einer Befriedung der Lage. Dullni bleibt im Amt. Die Grundfrage aber bleibt ebenfalls: Wie viel politische Neutralität trägt ein Heimatverein, wenn das Politische mit solcher Wucht an seine Tür klopft? Die Ratinger Jonges haben ihrem Baas das Vertrauen ausgesprochen. Ob sie damit auch schon ihren inneren Frieden wiedergefunden haben, dürfte eine sehr viel schwierigere Frage sein.
Bilder des Abends:



