Die Stadterhebungsurkunde Ratingen aus dem Jahr 1276, Stadtarchiv Ratingen. Foto: Achim Blazy
Die Stadterhebungsurkunde Ratingen aus dem Jahr 1276, Stadtarchiv Ratingen. Foto: Achim Blazy

Ratingen. Im Jahr 2026 feiert das Museum Ratingen sein 100-jähriges Jubiläum. Mit seinem vielfältigen Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm nimmt es zugleich an den Feierlichkeiten der Stadt Ratingen teil, die vor 750 Jahren ihre Stadtrechte erhielt.


Zu seinem 100. Geburtstag präsentiert das Museum Ratingen vom 13. März bis 16. August unter dem Titel „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“ eine umfassende thematische Ausstellung mit Kunst von 1945 bis heute. Diese zeigt auf zwei Etagen die Entwicklung der Museumssammlung, die auf einer kooperativen und vielstimmigen Zusammenarbeit mit Künstlern und Sammlern beruht. Werke des Informel-Künstlers Peter Brüning, der in Ratingen lebte, werden mit Arbeiten seiner Zeit von Bernard Schultze, Cy Twombly und Fritz Winter kombiniert und neueren Ankäufen, Schenkungen und Dauerleihgaben gegenübergestellt. Zum einen setzt die Ausstellung einen Fokus auf geometrische und lyrische Abstraktion, zum anderen macht sie Darstellungen architektonischer und städtischer Strukturen zum Thema.

Beispielsweise überträgt Driss Ouadahi in seiner Malerei urbane Landschaften in flächige Farbraster, und Ralf Brueck löst in seiner Fotografie Architekturelemente in abstrakte Unschärfen auf. Mit Marcus Schwier und Anne Schülke sind zwei Kunstschaffende beteiligt, deren Foto- und Videoarbeiten sich mit dem Stadtteil Ratingen-West auseinandersetzen. Thematisch blickt die Schau beginnend mit Birgit Jensens „BLAUER SEE N“ von Ratingen bis nach China und Nordafrika.

Einige Arbeiten werden zur Ausstellung hinzugeliehen. Alke Reeh und Evangelos Papadopoulos sind eingeladen, räumliche Arbeiten vor Ort zu installieren. In der Auseinandersetzung mit abstrakter Kunst klingt rückblickend Wassily Kandinskys Schrift „Punkt und Linie zur Fläche“ an. Diese erschien 1926, im Jahr der Ratinger Museumsgründung. Letztlich soll neben der Begegnung mit Kunst auch Sammlungs- und Institutionsgeschichte des Museums nachvollziehbar und transparent werden.

Weitere Künstler der Ausstellung: Michael Buthe, Henriette Grahnert, Jan Holthoff, Horst Keining, Jan Kolata, Rune Mields, Neringa Naujokaite, Markus Oehlen, Stefanie Pürschler, Zipora Rafaelov, Eun Nim Ro, Julian Schnabel, Max Schulze, Emil Schumacher, Paul Schwer, Antoni Tàpies, Hann Trier und andere.

„Bauen als Kulturbeitrag. Die Architektur des Museum Ratingen“

Mit der Schau „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“ verzahnt sich vom 29. Mai 2026 bis 28. Februar 2027 die Ausstellung „Bauen als Kulturbeitrag. Die Architektur des Museum Ratingen“. Sie präsentiert das Museum Ratingen als gesellschaftlichen Ort der Kunst und Architektur und der Reflexion über Geschichte. Ihr Ziel ist es, das Museum mit seiner additiven Architektur in der Museumsentwicklung der vergangenen 50 Jahren zu verorten.

Gegründet als Heimatmuseum im alten Bürgerhaus, nahmen in den 70er-Jahren Pläne zur Museumserweiterung am heutigen Peter-Brüning-Platz Gestalt an. So weist der Museumsneubau, der 1978 eingeweiht wurde, viele stilistische Merkmale der Architektur der 1970er-Jahre auf. 1991 kamen im sogenannten Museumsboom großzügige, lichtdurchflutete Ausstellungsflächen hinzu. Entworfen hat sie der Architekt Bruno Lambart, der sich erfolgreich öffentlichen Bauaufgaben widmete. Die Ausstellung legt einen Schwerpunkt auf dessen Erweiterung des Museumsgebäudes. Anhand von Plänen, Zeichnungen und Fotografien werden seine Ideen für das Museum Ratingen vorgestellt und weitere Ratinger Bauprojekte wie beispielsweise das nebenan liegende Medienzentrum umrissen. Die Präsentation findet statt in Kooperation mit dem Baukunstarchiv NRW, der Architektenkammer NRW und dem Stadtarchiv Ratingen.

„Elger Esser − Tempus pingendi“

Im Herbst 2026 widmet das Museum Ratingen vom 18. September 2026 bis 24. Januar 2027 dem international bekannten Künstler Elger Esser eine Einzelausstellung, dessen zentrales Thema die Landschaftsfotografie ist. Esser, geboren 1967 in Stuttgart, lebt in Düsseldorf, wo er an der Kunstakademie bei Bernd Becher studierte. Er gilt als einer dessen konsequentesten Schüler in Bezug auf die Idee, Typologien oder Topografien als Basis seines Œuvres anzulegen. Seine Arbeit liest sich als Parcours durch die Geschichte der Fotografie sowie als nuanciertes Wechselspiel der Fotografie mit der Malerei.

Essers Aufnahmen entstehen im Stil historischer Fotografie, auf poetische Weise fängt er die ruhige Atmosphäre von Landschaften ein. Vorzugsweise nimmt er Flüsse, Wälder und entfernte Stadtansichten auf, wobei er diffuses Licht in langen Belichtungszeiten für präzise komponierte und detailreiche Landschaftsbilder nutzt. Immer wieder wird Vergangenes hervorgerufen, so ist auch die Ausstellung eingebettet in das Ratinger Jubiläumsprogramm, das verschiedenste Verknüpfungen zu historischen und kulturellen Themen herstellt.

Innerhalb der (Kultur-) Geschichte der Stadt gelangt für Elger Esser die Beziehung Ratingens zu Frankreich und der europäische Gedanke in den Fokus: Bereits 1958 wurde eine Städtepartnerschaft mit Maubeuge geschlossen, das am Fluss Sambre im Département Nord liegt. Im gleichen Jahr kam die Städtepartnerschaft von Le Quesnoy und der damals noch unabhängigen Gemeinde Hösel hinzu. Le Quesnoy findet sich nahe Maubeuge am Fluss Rhonelle. Anlässlich der Ausstellung sind an beiden Orten Fotografien entstanden, die der Künstler erstmalig präsentiert. Die Schau umfasst Bilder aus 30 Jahren Landschaftsfotografie und schließt auch historische Postkarten ein.

„750 Jahre Ratingen − eine Standortbeschreibung“

Im Jahr des 750-jährigen Stadtjubiläums zeigt das Museum Ratingen vom 11. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027 die kulturhistorische Ausstellung „750 Jahre Ratingen – Eine Standortbeschreibung“. Die interaktive Schau mit dem Schwerpunkt auf das Thema Arbeit führt mit anregenden Mitmach-Stationen kleine und große Besucher durch die Geschichte der Stadt. Sie zeigt spielerisch, wie sich Berufe, Wirtschaft und Arbeitsalltag über die Jahrhunderte gewandelt haben.

Materialien wie Papier, Stoff, Keramik und Metall sind in der Ausstellung zentral und haptisch erfahrbar. Historische und aktuell prägende Ratinger Unternehmen werden vorgestellt, darunter die Papierfabrik Bagel, Keramag Keramische Werke GmbH, TÜNKERS Maschinenbau GmbH und andere. Zu entdecken ist ein Panorama typischer Ratinger Erzeugnisse und ihrer Produktionsstätten, die alle inhaltliche Bezüge zur stadtgeschichtlichen Dauerausstellung und der Porzellansammlung von Johann Peter Melchior im Museum herstellen.

Neben historischen Objekten sind herausragende Archivalien des Stadtarchivs vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert abwechselnd als Leihgaben zu sehen. In ihnen finden sich Verweise auf die Arbeitswelt der Vergangenheit. Beispielhaft sind die mittelalterliche Urkunde des Grütbierprivilegs für die Bierbrauer aus dem Jahr 1341 sowie die Satzung der Ratinger Schmiedezunft aus dem Jahr 1777 zu nennen. Die Stadterhebungsurkunde der Stadt Ratingen vom 11. Dezember 1276 ist primärer Anlass für die Jubiläumsausstellung: Graf Adolf von Berg und seine Frau Elisabeth verliehen dem Dorf Ratingen an diesem historischen Tag die Stadtrechte. Daher sollen die Besucher im Oktober und Dezember 2026 die Möglichkeit bekommen, dieses faszinierende Schriftstück im Original zu betrachten.
Das Museum Ratingen wird diverse Veranstaltungen anbieten, darunter zwei Spaziergänge entlang historischer Orte, u.a. in Kooperation mit dem LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford, Führungen und Workshops für Erwachsene und Kinder zu früheren handwerklichen Tätigkeiten und ein Grütbier-Tasting. Die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm finden in Kooperation mit dem Stadtarchiv Ratingen und dem Verein für Heimatkunde und Heimatpflege Ratingen statt.

„Spielerisch zum 750. Stadtgeburtstag: Große Ideen aus Ratingen in klein“

Zur kulturhistorischen Ausstellung gibt es vom 11. Oktober 2026 bis 31. Oktober 2027 ein Kids-Opening und zeitgleich eröffnet eine neue Ausstellung im Spielzeugmuseum. Die jungen Gäste sind in den Trinsenturm eingeladen und erfahren zusammen mit Museumsvermittlern ihrerseits viel über die Stadt und die Produkte des Ratinger Gewerbes und der Industrie. Für Kinder wurden und werden sie auch heute noch als Spielzeuge – auch über die deutschen Grenzen hinaus – verkauft. Zum Beispiel ist der Motorroller Vespa in vielen verschiedenen Größen und Varianten bis heute umschwärmt. Und auch dieser Tage findet man in den Wohnungen und Puppenstuben die Waschmaschine mit dem Bullauge, eine Erfindung der Firma Constructa aus dem Jahr 1951. Ebenso wird die Modepuppe der Firma Esprit in der Jubiläumsschau des Spielzeugmuseums ihren Platz finden und sicher viele Erinnerungen wecken.

Die Ausstellungen sowie das vielfältige Programm anlässlich des Museums- und Stadtjubiläums werden großzügig durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und den Landschaftsverband Rheinland (LVR) gefördert.