Bürgermeister Schorn sprach bei der Eröffnung der Festwoche zum Grundgesetz. Foto: Kling

Wülfrath. Mit einer Rede von Bürgermeister Sebastian Schorn und einem Beitrag von Poetry-Slamer Jan Schmidt aus Wülfrath hat die Bürgerstiftung den Auftakt einer Festwoche zum 77. Geburtstag des Grundgesetztes begangen.


„Demokratie“ ist das Jahresthema, das sich die Bürgerstiftung gegeben hat. Was lag also näher, als sich an der Initiative des Bundespräsidenten „Der Ehrentag“ zu beteiligen, einer Aktion, die auch von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt getragen wird.

Beim Auftakt an diesem Samstagmittag auf dem Heumarkt konnte die Bürgerstiftung allerdings nur einen kleinen Kreis Interessierter begrüßen, was auch daran gelegen haben dürfte, dass der Termin weitgehend unbekannt geblieben ist.

Dabei hätten sowohl die Rede von Bürgermeister Schorn (komplett im Anhang) als auch der Auftritt des Poetry-Slamers Jan Schmidt ein weitaus größeres Publikum verdient gehabt.

Das Grundgesetz sei ein Versprechen und ein Schutzschild, sagte Schorn, „mit Leben füllen müssen wir es“. „Als Bürgermeister von Wülfrath bin ich stolz auf das, was wir in Wülfrath gemeinsam aufgebaut haben: eine lebendige Zivilgesellschaft, engagierte Vereine vom Sport bis zur Kultur, starke Schulen und Kitas, eine aktive Jugend, eine leistungsfähige Freiwillige Feuerwehr, Hilfsorganisationen, auf die man sich verlassen kann, und eine Verwaltung, die sich als Dienstleisterin für unsere Bürgerinnen und Bürger versteht. All dies ist Ausdruck einer funktionierenden Demokratie vor Ort.“

Jan Schmidt sprach über seine „Angst in wilden Zeiten“ und meinte die zunehmende Verrohung in Teilen der Gesellschaft. „Unwissen ist keine Entschuldigung für Unmenschlichkeit“, sagte Schmidt in seinem Vortrag. Es sei nie zu spät, aktiv zu werden. Heute könne angesichts der Vielfalt von Informationen niemand mehr sagen, er wisse von nichts. Er rief dazu auf, mit den radikalen Kräften im Gespräch zu bleiben, auch wenn es schwerfalle. „Wir wollen alle dasselbe: eine sichere Zukunft.“

Poetry-Slamer Jan Schmidt

Hier die Rede von Bürgermeister Schorn:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Wülfratherinnen und Wülfrather,

ich freue mich sehr, Sie heute zur Eröffnung der Festwoche rund um den Ehrentag begrüßen zu dürfen, mit der wir gemeinsam die Geburtsstunde unseres Grundgesetzes feiern.

Vor 77 Jahren, am 23. Mai 1949, wurde es verkündet – als Antwort auf die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte und als mutiger Neubeginn für ein demokratisches Deutschland.

Wenn wir heute auf unsere Stadt schauen, dann sehen wir: Das Grundgesetz ist kein fernes Papier in Berlin – es wirkt auch hier, bei uns in Wülfrath.

Es wirkt, wenn Menschen frei ihre Meinung sagen, ob in der Lokalpolitik, auf dem Marktplatz, in unseren Vereinen oder in den sozialen Medien.

Es wirkt, wenn Vereine, Kirchen und Initiativen für das Gemeinwohl unsere Stadtgesellschaft mit Leben füllen.

Es wirkt, wenn Kinder und Jugendliche in unseren Schulen und Kitas lernen, respektvoll miteinander umzugehen und unterschiedliche Meinungen auszuhalten.

Gerade in unserer Zeit ist es wichtig, sich daran zu erinnern. Wir erleben gesellschaftliche Spannungen, Polarisierung, einen rauer werdenden Ton in der öffentlichen Debatte. Gleichzeitig fordern uns globale Krisen – vom Klimawandel über Kriege bis hin zu wirtschaftlichen Unsicherheiten.

All das macht deutlich:

Demokratie ist nicht selbstverständlich.
Rechtsstaatlichkeit ist nicht selbstverständlich.
Frieden ist nicht selbstverständlich.

Unser Grundgesetz gibt uns einen Rahmen, aber mit Leben füllen müssen wir ihn selbst – jeden Tag, in unserem Alltag, in unseren Familien, in unseren Schulen, in unseren Vereinen – überall in Wülfrath.

An einem Ehrentag wie diesem sollten wir uns zwei Dinge bewusst machen:

Erstens: Das Grundgesetz ist ein Versprechen.

Ein Versprechen auf Freiheit, Mitbestimmung, Gerechtigkeit und Sicherheit. Es verpflichtet den Staat, die Grundrechte zu schützen – aber es ermutigt uns Bürgerinnen und Bürger auch, diese Rechte wahrzunehmen. Wer wählen geht, wer sich engagiert, wer sich einmischt, der macht dieses Versprechen lebendig – bei Europawahlen, Bundestagswahlen, Landtagswahlen, aber ganz besonders auch bei den Kommunalwahlen hier in Wülfrath.

Zweitens: Das Grundgesetz ist ein Schutzschild.

Es schützt Minderheiten vor Willkür, es begrenzt staatliche Macht und es sichert Rechte, die wir vielleicht erst dann richtig zu schätzen wissen, wenn sie in Frage gestellt werden: die Pressefreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit, so zu leben, zu glauben, zu lieben, wie es zu einem Menschen passt, solange die Rechte anderer geachtet werden.

Als Bürgermeister von Wülfrath bin ich stolz auf das, was wir in Wülfrath gemeinsam aufgebaut haben:

eine lebendige Zivilgesellschaft, engagierte Vereine vom Sport bis zur Kultur, starke Schulen und Kitas, eine aktive Jugend, eine leistungsfähige Freiwillige Feuerwehr, Hilfsorganisationen, auf die man sich verlassen kann, und eine Verwaltung, die sich als Dienstleisterin für unsere Bürgerinnen und Bürger versteht.

All dies ist Ausdruck einer funktionierenden Demokratie vor Ort.

Kommunalpolitik ist zudem Demokratie zum Anfassen – hier werden Entscheidungen getroffen, die Ihr tägliches Leben direkt betreffen: von der Kita-Betreuung über den ÖPNV bis hin zur Gestaltung unserer Plätze und Straßen.

Natürlich gehört zu diesem Ehrentag auch ein Dank.

Mein besonderer Dank gilt zunächst allen, die diese Festwoche mit großem Einsatz vorbereitet haben. Stellvertretend danke ich der Bürgerstiftung Wülfrath, dem Zeittunnel, dem Bürgerverein Wülfrath und dem Wülf-Rat.

Darüber hinaus danke ich allen, die die Werte unseres Grundgesetzes im Alltag sichtbar machen.

Durch Sie alle ist Wülfrath, was es heute ist – eine Stadt, in der Demokratie erlebbar ist.

Liebe Wülfratherinnen und Wülfrather,

ein 77. Geburtstag ist ein guter Anlass, nach vorne zu schauen. Wie wollen wir in 10, in 20 Jahren in Wülfrath leben? Welche Stadt wollen wir sein?

Ich wünsche mir, dass wir eine Stadt bleiben, in der Vielfalt als Stärke empfunden wird, in der Kinder und Jugendliche unabhängig von Herkunft und Geldbeutel gute Chancen haben, in der ältere Menschen gut und sicher leben können, in der wir nachhaltig wirtschaften und verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umgehen.

Unser Grundgesetz liefert die Grundlage dafür. Es gibt uns Freiheit, Verantwortung zu übernehmen und unsere Zukunft zu gestalten – hier vor Ort.

Nutzen wir diese Freiheit.

Halten wir zusammen, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Widersprechen wir deutlich, wenn Menschenwürde relativiert und demokratische Regeln verächtlich gemacht werden. Und erinnern wir uns immer wieder daran, dass das, was wir heute für selbstverständlich halten, von früheren Generationen hart erkämpft wurde.

Lassen Sie uns diesen Ehrentag nutzen, um stolz und dankbar zu sein – aber auch, um uns neu zu verpflichten:

für unsere Demokratie, für unseren Rechtsstaat, für ein respektvolles und menschliches Miteinander hier in Wülfrath.

In diesem Sinne:

Herzlichen Glückwunsch, liebes Grundgesetz.