An der Gesamtschule gibt es neue Motive auf den vormals grauen Wänden. Foto: Verein Neue Wege
An der Gesamtschule gibt es neue Motive auf den vormals grauen Wänden. Foto: Verein Neue Wege

Mettmann. Das jährliche Graffiti-Projekt des Vereins Neue Wege ist inzwischen überregional bekannt. Unansehnliche, graue Wände gibt es in den fünf Mitgliedsstädten Erkrath, Haan, Heiligenhaus, Mettmann und Wülfrath genug – eine weniger gibt es nun in Haan.


Auf der Mauer am Lehrerparkplatz der Städtischen Gesamtschule ist ein Kunstwerk entstanden, das gestern der Schulleitung, Vertreterinnen der Stadt Haan, der Presse und den Mitgliedern des Vereins präsentiert wurde. Die Neugier war groß genug, dass für die „Vernissage“ ein langjähriges Mitglied sich sogar von einer 80 km langen Fahrt nicht abschrecken ließ. Denn auch wenn das Projekt schon oft durchgeführt wurde – in diesem Jahr war vieles ganz anders.

Unverändert waren Jugendliche, die wegen einer Straftat Arbeitsstunden abzuleisten hatten, die Hauptakteure. Für alle Beteiligten ist der Start eines solchen Projekts immer wieder aufregend. Die Jugendlichen kennen sich untereinander nicht und haben keine konkrete Vorstellung von dem, was sie erwartet. Die hauptamtlichen Jugendhilfen im Strafverfahren (JuHiS) kennen nur „ihre“ Jugendlichen. Zum ersten Mal hat Ian Zupan, Graffiti-Künstler aus Erkrath, die künstlerische Leitung des Projekts übernommen. Er hat bereits Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen – die kamen bislang allerdings freiwillig.

Bisher erstellte der Künstler einen Entwurf des Graffitis und die Jugendlichen
setzten ihn um. In diesem Jahr lag alles in der Hand der Jugendlichen. Sie erarbeiteten gemeinsam, welche Botschaft sie transportieren wollen und übten mit Bleistift und Papier auf welch unterschiedliche Art und Weise Buchstaben gestaltet werden können. Dann wurde es ganz praktisch: Zunächst musste die Wand mit einem Hochdruckreiniger von Moos und Dreck befreit werden, um sie anschließend grundieren zu können. Erst dann ging es los. Wie man die Spraydose richtig hält, dass es wichtig ist, vor dem Sprayen eine Skizze auf die Wand zu bringen, gehörte zu den ersten Lerneinheiten.

Ian Zupan ließ den Jugendlichen viel freie Hand. „Es kann nichts Schlimmes passieren“, war sein Credo. Schlimmstenfalls hätte die Wand teilweise neu grundiert werden müssen. Unter den Jugendlichen entwickelte sich schnell echter Teamgeist. Sie bearbeiteten gemeinsam Buchstabe für Buchstabe, jeder konnte seine besonderen Fähigkeiten einbringen. Immer wieder gab es Momente, in denen die Jugendlichen zu ihrer eigenen Überraschung neue, eigene Talente entdeckten.

„Selbstwirksamkeit“ nennt man das im Fachjargon und wer sollte mehr davon
verstehen, als der Schulleiter, Herr Christian Hoffmann. Er zeigte sich begeistert von dem, was die Jugendlichen in nur vier Tagen geschaffen hatten und kann sich gut vorstellen, den Graffiti-Künstler auch für andere Schulprojekte zu engagieren. Zum ersten Mal hat auch er zur Spraydose gegriffen und unter Aufsicht der ersten Beigeordneten der Stadt Haan, Annette Herz, das Vereinslogo auf die Wand gesprayt. Respekt, Vielfalt und Freiheit sind die Wörter, die den Delinquenten besonders wichtig waren und die jetzt die ehemals öde Wand zieren. Wenn man das Wort Freiheit nicht auf Anhieb lesen kann, hat das einen guten
Grund. „Freiheit bekommt man nicht geschenkt, die muss man sich erarbeiten“, erklärt Özkan Aksoy, JuHiS aus Erkrath.