
Wülfrath/Nürtingen. Einmal pro Woche steht Julius Raguse selbst vor Kindergruppen in Wülfrath. Am 3. Oktober wechselte der 24-Jährige die Rolle: Bei der 23. Fight Night in Nürtingen stand er als Kämpfer im Ring – und verließ ihn als Sieger.
In der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm traf Raguse nach K1-Regeln auf Diego Kromer von der Kampfsportakademie Kirchheim. Kromer begann offensiv und setzte Raguse früh unter Druck. Der Kapellener blieb jedoch ruhig, vergrößerte nach den ersten Treffern die Distanz und fand zunehmend in seinen Rhythmus. Besonders seine Frontkicks zum Körper erwiesen sich als wirkungsvolles Mittel. Gegen Ende der zweiten Runde waren bei Kromer deutliche Spuren des Kampfes zu sehen: Seine Nase blutete, zudem wirkte er zunehmend erschöpft. Kromer kämpfte weiter, doch Raguse blieb konditionell stark. Nach drei Runden entschieden zwei der drei Punktrichter zugunsten von Raguse.
Für den 24-Jährigen war der Kampf dabei nicht nur ein sportlicher Vergleich. Er wollte sich selbst beweisen und Erfahrungen für seine weitere Entwicklung als Wettkämpfer sammeln. Einen wichtigen Anteil daran schreibt er der intensiven Vorbereitung mit seinen Trainingspartnern zu.
Unterstützt wurde Raguse in Nürtingen von 22 Arbeitskollegen, Freunden und Wegbegleitern, die ihn am Ring anfeuerten. Auch sein Vater Axel war dabei. Er hatte Julius bereits als Fünfjährigen regelmäßig zum Karatetraining gebracht und begleitet seinen Weg bis heute.
Karatetraining über zwei Jahrzehnte

Fast 20 Jahre liegen zwischen den ersten Trainingseinheiten und dem heutigen Wettkämpfer. Ein wenig erinnert diese Entwicklung an „Karate Kid“: Was als Kind mit einfachen Grundstellungen, Verbeugungen und immer wiederkehrenden Techniken begann, entwickelte sich über Jahre zu Disziplin, Verantwortung und einer eigenen Leidenschaft.
Prägend begleitet wurde Raguse dabei von Sascha de Vries, zweifacher Weltmeister im Sportkarate und seit seinem fünften Lebensjahr dessen Lehrer und Sensei. Schon früh übernahm Julius Raguse erste Aufgaben im Training. Heute steht er selbst vor Kindern – auch in Wülfrath – und gibt weiter, was ihn auf seinem eigenen Weg geprägt hat. „Karate-Dō ist für mich ein Weg der Charakterbildung. Ein Sensei begleitet einen Schüler ein Stück seines Weges. Irgendwann kommt der Moment, an dem dieser Schüler seinen eigenen Weg findet und beginnt, andere zu begleiten. Genau das bei Julius zu sehen, ist für mich ein größerer Erfolg als jeder Titel“, sagt de Vries.
Für die Kinder in Wülfrath steht damit heute ein Trainer vor ihnen, der selbst als Fünfjähriger angefangen hat – und seinen Weg inzwischen vom Anfänger bis zum erfolgreichen Wettkämpfer gegangen ist.

