Es gibt Straßen in Wülfrath, die so aussehen, wie hier die Südstraße hinter dem Rathaus. Foto: Kling

Im vergangenen Jahrhundert nahm WDR 2 seine Hörerschaft mit auf die „Freie Fahrt ins Wochenende“. Und die Autos, die seinerzeit getestet wurden, mussten über die sogenannte „Marterstrecke“. In Wülfrath könnten die Tester dafür heute die Südstraße nehmen, würde es den Test noch geben.

Auf einer „Marterstrecke“ lässt sich feststellen, wie gut die Stoßdämpfer eines Fahrzeugs sind. Oder auch die Bandscheiben der Menschen am Steuer. Die WDR-Tester wie Redakteur Alfred Zerban wurden in diesem Teilstück ihres Tests hörbar durchgerüttelt. Ein knappes Vierteljahrhundert nach dem Ende der Tests auf der Marterstrecke gibt es öffentliche Straßen, die sich für diesen Titel bewerben könnten.

Wülfrath wollte im Sommer vergangenen Jahres herausfinden, wie es um den Zustand seiner Straßen bestellt ist. Tonaufnahmen wurden dabei allerdings nicht gemacht. Vielmehr fuhr ein Spezialfahrzeug mit acht Kameras auf dem Dach sowie zwei Lasern über 127 Kilometer Straße, rund 100 davon im städtischen Eigentum.

„Kameramann“ war Sirvan Raschid vom Ingenieurbüro Lehmann aus Erfurt. Das hatte eine Ausschreibung der Stadt Wülfrath gewonnen.

Der Kameramann saß allerdings auf seinen Wegen durch die Stadt nur am Steuer des seltsamen Fahrzeugs mit dem außergewöhnlichen Aufbau. Die Aufnahmen – alle fünf Meter ein Foto – entstanden vollautomatisch.

Mit einem kleineren Fahrzeug hatte sich das Ingenieurbüro aus Thüringen die schmaleren Gassen vorgenommen, durch die das breite Spezialfahrzeug nicht gepasst hätte.
Früher sind übrigens Straßenbegeher durch die Stadt gewandert und haben sich Notizen gemacht, wenn irgendwo etwas nicht in Ordnung war. Die sind einerseits irgendwann aus Kostengründen eingespart worden, andererseits müsste heute eher eine Hundertschaft ausrücken für ein solches Schlagloch-Kataster.

Ende vergangenen Jahres hat die Verwaltung quasi ein digitales Fotoalbum der Stadt bekommen, Kreis- und Landstraßen inklusive. In diesem „Album“ ist auch zu sehen, wo welche Straßenschilder stehen, als Nebeneffekt für das Ordnungsamt, denn auch das ist nirgendwo festgehalten.

Inzwischen liegen die „Rohdaten der Straßenzustandserfassung“ Tiefbauamtsleiter Andreas Glahn vor. Der hat bei einer Prüfung Unstimmigkeiten festgestellt, die er noch in einem Gespräch mit dem Auftragnehmer klären muss. „Anschließend müssen die Rohdaten in unser Geoinformationssystem implementiert werden“, erklärt Glahn. Auf Grundlage der Straßenzustandserfassung werde dann vom Auftragnehmer ein Erhaltungskonzept entwickelt.

Bürgermeister Rainer Ritsche ist sich schon vorher sicher: „Wir haben wahrscheinlich mehr kaputte Straßen als Geld.“

Deshalb werde es eine Priorisierung geben, in der steht, was zuerst gemacht werden müsste. Denn grundsätzlich ist es billiger, Straßendecken frühzeitig zu erneuern, bevor eine Straße von Grund auf neu aufgebaut werden muss.

Der Bericht soll Verwaltung und Politik helfen bei den Entscheidungen, welche Arbeiten vordringlich sind. Dabei ist der Zustand alleine nicht entscheidend, weiß der Technische Beigeordnete Dr. Stefan Holl. Auch gelte es, künftige Bauarbeiten bei den Überlegungen zu berücksichtigen.

Für die Verlegung von Glasfaser beispielsweise dürften jede Menge Straßen in den nächsten Jahren aufgemacht werden. Da wäre es wenig sinnvoll, diese vorher erst einmal zu sanieren.

Bei der eingangs erwähnten Südstraße ist übrigens ein Hochbau auf dem Grundstück schräg hinter dem Rathaus geplant. Und diese Arbeiten will die Stadt erst abwarten. So lange bleibt Wülfrath diese „Marterstrecke“ jedenfalls noch erhalten.