Sie ließen sich vom strömenden Regen nicht abhalten: Wülfrather Frauen bei der Aktion "One Billion". Foto: Kling

Wülfrath. Der 14. Februar ist in Wülfrath „One billon“-Tag. Auf Initiative der Gleichstellungsbeauftragten trafen sich Menschen auf dem Heumarkt, um mit Tanz ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen.

Die New Yorker Künstlerin Eve Ensler hat die Bewegung „One Billion“ ins Leben gerufen. Seit 2013 gehen weltweit Tausende auf die Straße, um tanzend und singend immer wieder ins Bewusstesein zu rufen, dass es weiterhin Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt.

In Wülfrath waren es an diesem Mittwoch etwa 40 Frauen und Männer, die sich bei strömendem Regen auf dem Heumarkt eingefunden hatten.

„Wir sind stolz darauf, dass Wülfrath seit 2018 Teil dieser weltweiten Bewegung ist, die in über 190 Ländern aktiv ist und allein in Deutschland in diesem Jahr 134 Orte umfasst“, sagte Bürgermeister Rainer Ritsche zur Begrüßung Tänzerinnen und Gäste an diesem Mittwoch auf dem Heumarkt.

„Respekt ist das Fundament, auf dem unsere Gemeinschaft gebaut ist“, sagte der Bürgermeister, „es ist der Schlüsselwert, der uns leitet, wenn wir uns gegen Gewalt und Ungerechtigkeit erheben.“ Die Aktion One-Billion-Rising stehe nicht nur für den Widerstand gegen Gewalt an Frauen, sondern auch für die Achtung und Würdigung jedes Einzelnen.

Das Motto der Aktion in diesem Jahr lautet „Rise für freedom – be the new world“ – Aufstehen für Freiheit in einer neuen Welt.

„Heute ist der Tag der Liebe“, sagte Gleichstellungsbeauftragte Franca Calvano. Im Leben vieler Frauen sehe es aber anders aus. „Sie erleben Gewalt – und das macht uns wütend. Denn die Zahlen sind entsetzlich: Jeden Tag gibt es in Deutschland einen Tötungsversuch an einer Frau. Fast jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners.“

„Wir sind heute nicht hier, um einen Tanz aufzuführen“, sagte Calvano, „wir sind hier, um uns solidarisch zu zeigen und mit unseren Tanz ein Zeichen für die Freiheit aller Frauen zu setzen.“

Danach machten sich die Frauen, teils mit Schirm, teils in Regenjacken, daran, den einstudierten Tanz bei strömendem Regen auf dem Heumarkt aufzuführen.

Hier die Rede von Franca Calvano im Wortlaut:

Heute ist der Tag der Liebe – Im Leben vieler Frauen sieht es aber anders aus. Sie erleben Gewalt – und das macht uns wütend!

Wir sind wütend über die Morde und wir sind wütend über die Gewalt, die viele Frauen täglich erfahren.

Denn die Zahlen sind entsetzlich:

Jeden Tag gibt es in Deutschland einen Tötungsversuch an einer Frau.

Fast jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners.

Gewalt betrifft Frauen in allen Lebensphasen – In ganz jungen Jahren bis ins hohe Alter.

Gewalt betrifft Frauen in allen Lebensbereichen: in Beziehungen, in der Familie, im öffentlichen Raum, in Institutionen, am Arbeitsplatz oder im Word Wide Web.

Es gibt keinen Ort, der für Frauen sicher ist – der unsicherste Ort ist das eigene Zuhause.

Es ist wichtig, gegen die Missstände zu protestieren – so wie heute.

Wir wissen auch, dass noch immer nicht genug getan wird, um das Übel an der Wurzel packen.

Die Forderung an die Politik lautet u. a.: 14.000 zusätzliche Plätze in Frauenhäusern, mehr Maßnahmen gegen Cybergewalt und Stärkung der Opferrechte.

Und noch zwei Sätze Richtung EU: Dass Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt künftig in EU-Staaten einheitlich bestraft werden, ist begrüßungswert. Enttäuschend ist, dass auf EU-Ebene keine einheitliche Regelung der Definition „Vergewaltigung“ erzielt werden konnte. Und das lag nicht zuletzt am Widerstand Deutschlands.

Liebe Anwesende, Gewalt bleibt oft verborgen. Viele Frauen melden sich nicht aus Scham oder haben Angst, zur Polizei zu gehen – weil sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Die Dunkelziffer vermisster und schwer verletzter Frauen kennt niemand.

Häusliche Gewalt bedeutet für viele „blauen Flecken“. Die Gewalt beginnt jedoch selten mit körperlichen Übergriffen. Vor den ersten Schlägen sind die Betroffenen meist schon über Monate oder sogar Jahre hinweg psychischem

Terror ausgesetzt. Diese seelischen Überschreitungen hinterlassen weniger sichtbare Spuren, sind aber nicht minder schwerwiegend.

Betroffenen ist häufig nicht bewusst, dass das Erlebte Gewalt ist. Auch bei Bekannten oder in der Familie bleibt dieses Verhalten oft lange unbemerkt.

86% der Opfer von Stalking sind Frauen. Unter Stalking verstehen wir das Verfolgen, Belästigen und Terrorisieren eines Mitmenschen. In mehr als 90 Prozent aller Fälle von Femiziden, Tötung an Frauen, kam es im Vorfeld zu Stalking.

Zwanghafte Kontrolle zählt auch zu häuslicher Gewalt. Zwangskontrolle schafft unsichtbare Ketten und kann verheerende Folgen für die Betroffenen haben. In Großbritannien wird Zwangskontrolle „Coercive Control“ als Straftat gewertet. Ich wünsche mir entsprechende Regelungen auch in Deutschland.

Leider nimmt auch die meist anonyme Gewalt im Internet zu: Hass, Belästigungen, Verleumdungen bis hin zu Vergewaltigungs- und Todesdrohungen stehen für viele Frauen auf der Tagesordnung. Wir müssen uns dieser Formen der Gewalt ebenfalls entgegenstellen und gemeinsam daran arbeiten, sichere Online-Umgebungen zu fördern und Opfern Unterstützung und Ressourcen anbieten.

Die steigenden Zahlen in den Berichten über Gewaltfälle gegen Frauen sind nicht immer negativ zu bewerten. Sie können auch ein positives Signal sein, das darauf hinweist, dass immer mehr Fälle aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld rücken. Der SKFM berichtet, dass heute Fälle gemeldet werden, die noch vor wenigen Jahren nicht angezeigt worden wären. Ein Zeichen dafür, dass unsere Bemühungen, Bewusstsein zu schaffen und Aufklärungsarbeit zu leisten, Früchte tragen.

Durch Kampagnen wie „One Billion Rising“ oder die Brötchentütenaktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte, und die engagierte Arbeit von Organisationen und Netzwerken fühlen sich betroffene Frauen ermutigt, ihre Stimme zu erheben, sich anzuvertrauen und die notwendige Hilfe zu suchen. Dieser Trend zeigt, dass das Tabu, über Gewalterfahrungen zu sprechen, langsam aufgebrochen wird und das Bewusstsein für die verfügbaren Unterstützungsangebote steigt.

In einer Zeit, in der die Welt von Krisen, Kriegen und Zukunftsängsten erschüttert wird, und die Angst und Gewaltbereitschaft zunehmen, ist es umso wichtiger, dass wir zusammenstehen. Das Motto für 2024, „RISE FOR FREEDOM“, spiegelt die Dringlichkeit wider, mit der wir handeln müssen.

Ich bin beeindruckt und stolz, wie geschlossen sich die Wülfratherinnen und Wülfrather in den letzten Wochen als Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, um unsere Werte Vielfalt, Toleranz und Respekt zu verteidigen. Rechtsradikale Angriffe sind auch immer Angriffe gegen die Freiheit von Frauen. Bleiben wir mutig, bleiben wir laut und beziehen klar Stellung gegen Missstände und Ungerechtigkeiten.

Arbeiten wir darauf hin, dass wir immer mehr werden, die gemeinsam für ein Leben ohne Gewalt einstehen.

Liebe Anwesende, wir sind heute nicht hier, um einen Tanz aufzuführen, wir sind hier, um uns solidarisch zu zeigen und mit unseren Tanz ein Zeichen für die Freiheit aller Frauen zu setzen.

Es geht nicht also darum, wie wir tanzen, sondern wofür wir tanzen. Sie sind also alle eingeladen mitzumachen.