
Wülfrath. Ein eisiger Wind weht durch die Stadt. Doch auf dem Heumarkt ist es voll wie selten. Die Aktion “One Billion Rising” gewinnt mit den Jahren immer mehr Frauen und Männer, die ein Zeichen setzen wollen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen.
“Dieser Tag geht uns alle an”, sagte Bürgermeister Sebastian Schorn zu den Menschen. Gewalt gegen Frauen sei “jeden Tag bittere Realität”. Seit 2018 beteiligt sich Wülfrath an dem weltweiten Aktionstag, “erhebt sich unsere Stadt”, wie es der Bürgermeister formulierte, um ein Zeichen zu setzen, gemeinsam Haltung zu zeigen.
Organisiert hat den Aktionstag auch in diesem Jahr die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wülfrath, Franca Calvano. Für die Choreografie war wieder Andrea Berster-Lingk zuständig.
Die Aktion finde bewusst am Valtentinstag statt, betonte Franca Calvano in ihrer Rede. Der Valentinstag stehe für Liebe, sei für viele Frauen jedoch von Angst geprägt.
Das diesjährige Motto „Woman on Fire – Ni una menos“ beschrieb sie als klare Botschaft, dass kein Frauenleben verloren gehen dürfe. „Ni una menos“ stehe für Mut, Solidarität und entschlossenen Widerstand gegen Gewalt.
Unter Bezug auf Zahlen des Bundeskriminalamt wies Calvano darauf hin, dass die registrierten Fälle häuslicher Gewalt erneut einen Höchststand erreicht hätten. Sie nannte die Zahl von 265.942 polizeilich erfassten Betroffenen, von denen mehr als 73 Prozent Frauen seien, sowie 132 Frauen, die durch aktuelle oder ehemalige Partner getötet worden seien.
Als besonders alarmierend schilderte Calvano die Ergebnisse der jüngst veröffentlichten Dunkelfeldstudie der Bundesregierung. Weniger als zehn Prozent der Betroffenen erstatteten Anzeige, fast jede sechste Person erlebe körperliche Gewalt in der Partnerschaft, „und 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt“.
Betroffen seien besonders Frauen, junge Menschen, queere Personen, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Calvano stellte klar: „Auch Männer erleben Übergriffe. Doch Frauen sind deutlich häufiger von schwerer, sexualisierter und partnerschaftlicher Gewalt betroffen.“
Das Schweigen der Betroffenen wertete sie nicht als individuelles Versagen, sondern als Folge von Angst, Scham und fehlenden Zugängen zu Hilfe. Vor diesem Hintergrund sprach sie das geplante Gewalthilfegesetz an, das ein flächendeckendes Schutznetz schaffen solle, dessen Rechtsanspruch jedoch erst später greifen werde. Dies zeige die bestehende Lücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung. Ein Gesetz allein schütze niemanden, entscheidend sei die praktische Umsetzung vor Ort.
Calvano hob die Verantwortung der Kommunen hervor. Schutz entstehe in Beratungsstellen, Frauenhäusern, Präventionsarbeit und Täterarbeit, die kommunal aufgebaut und finanziert würden. Sie warnte davor, dass ein Gewalthilfegesetz nicht zu einer Aufgabenverschiebung ohne ausreichende Finanzierung führen dürfe. Diese Forderung werde von kommunalen Gleichstellungsbeauftragten gegenüber Bund und Ländern ausdrücklich erhoben.
Darüber hinaus betonte sie die Bedeutung früher Prävention in Familien, Kitas und Schulen sowie die Arbeit mit Jungen und Männern. Traditionelle Männlichkeitsbilder erschwerten häufig einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten. Auch der Ausbau der Täterarbeit sei notwendig, da Täterprogramme ein wichtiger Bestandteil des Opferschutzes seien, bisher aber nur einen kleinen Teil der Gewaltausübenden erreichten.
Als übergeordneten Rahmen nannte sie die Notwendigkeit einer Gesamtstrategie aus Schutz, Prävention, Strafverfolgung und politischer Verantwortung, wie sie in der Istanbul-Konvention vorgesehen sei. Abschließend verwies Calvano auf die kreisweite Plakataktion zum internationalen SOS-Handzeichen gegen häusliche Gewalt, die bis zum 23. Februar am Angermarkt zu sehen sei. Das Handzeichen könne Betroffenen ermöglichen, unauffällig Hilfe zu erbitten.
Zum Ende der Rede rief sie dazu auf, Hilfsangebote zu nutzen und das Schweigen zu brechen. „Gewalt lebt vom Schweigen. Wir brechen das Schweigen. Gemeinsam.“ Der Aktionstag schloss mit gemeinsamen Tänzen zu Break the Chain und Woman on Fire – Ni una menos.

