Die neue Gesamtschule Waldschlösschen musste im aktuellen Anmeldeverfahren 59 Ablehnungen aussprechen. Foto: Mathias Kehren

Velbert/Wülfrath. Die Anmeldungen für die weiterführenden Schulen in Velbert haben bei vielen Eltern für Ärger und Frust gesorgt, weil weit über hundert Kinder nicht ihren Wunschplatz bekommen haben. Zu dem Thema haben sich nun die Ratsfraktionen der SPD und der Grünen zu Wort gemeldet. Der Super Tipp hat bei der Stadt als Schulträger nachgefragt, wie sich die Situation verbessern ließe.


Nach der ersten Anmeldephase gab es 59 Ablehnungen an der Gesamtschule Waldschlösschen und 50 Ablehnungen an der Gesamtschule in Velbert-Mitte. Auch das Geschwister-Scholl- und das Nikolaus-Ehlen-Gymnasium (NEG) erfuhren viel Zuspruch, der schließlich durch die Einrichtung einer zusätzlichen Klasse am NEG aufgefangen werden konnte. Im zweiten Anmeldeverfahren stiegen dann die Zahlen an der Martin-Luther-King-Schule und der Realschule Kastanienallee. An letzterer wurde ebenfalls eine weitere Klasse eingerichtet, um allen Kindern einen Schulplatz zu bieten.

Kaum Besserung in Sicht

Der Anmeldeüberhang ist auch in den kommenden Jahren absehbar, wie Schuldezernentin Sandra Ernst berichtet: „Die Verwaltung hat im Ausschuss für Schule, Bildung und Kultur im Herbst 2025 deutlich gemacht, dass wir es aktuell mit starken Jahrgängen im Übergang zu den weiterführenden Schulen zu tun haben.“ Dies gelte für das aktuelle Anmeldeverfahren und auch für die kommenden zwei bis drei Jahre. Die Bildung von „Mehrklassen“, wie jetzt geschehen, sei absehbar.

„Velberter Schulen sind attraktiv“

„Die Velberter Schulen sind offensichtlich attraktiv, das zeigt die hohe Zahl an Anmeldungen aus anderen Städten“, sagt Sandra Ernst. Damit dies nicht dauerhaft zu Platzproblemen führt, sei man im engen Austausch mit den Nachbarstädten Wülfrath und Heiligenhaus sowie der Schulaufsicht. Aktuell wird laut Ernst eine Schulentwicklungsplanung durchgeführt, die im Herbst vorliegen und dann für weitere Schritte herangezogen werden soll.

SPD-Ratsfraktion kritisiert Streichung des vorgezogenen Anmeldeverfahrens

Mit Bekanntwerden der hohen Ablehnungszahlen hat sich die SPD-Fraktion zu Wort gemeldet. Sie kritisiert die Verwaltung offen für die Entscheidung, auf das vorgezogene Anmeldeverfahren zu verzichten: „Ich habe diese Entscheidung nach der Vorstellung im Ausschuss scharf kritisiert“, erklärt Matthias Gohr (SPD), ehemaliger Schulausschussvorsitzender. Die Annahme, Velberter Schulen dadurch für Wülfrather Eltern unattraktiv zu machen, sei „schlicht unrealistisch“, so Gohr. Die SPD-Fraktion wirft Schuldezernentin Sandra Ernst und “der Ratsmehrheit aus CDU und Bündnis 90/Die Grünen” vor, einen SPD-geführten Antrag auf das vorgezogene Anmeldeverfahren abgelehnt zu haben. Eine Entscheidung, die zudem gegen den „ausdrücklichen Wunsch beider Gesamtschulen“ getroffen worden sei, macht Gohr deutlich.

Warum es kein vorgezogenes Anmeldeverfahren gab

Warum das Verfahren trotz des absehbaren Runs auf die Gesamtschulen geändert wurde, hat die Verwaltung wie folgt begründet: Ein vorgezogenes Anmeldeverfahren muss bei der Bezirksregierung beantragt und genehmigt werden, etwa wenn eine Schule im Aufbau ist. Im Falle der Gesamtschule Neviges war dieser Aufbau mit dem Umzug ins neue Gebäude abgeschlossen. Der Rat hat mehrheitlich entschieden, kein vorgezogenes Anmeldeverfahren mehr durchzuführen.

Die Verwaltung weist ausdrücklich darauf hin, dass das zeitgleiche Anmeldeverfahren das reguläre Verfahren nach Verordnung des Landes NRW ist. Ob im kommenden Jahr wieder ein vorgezogenes Verfahren eingeführt wird, soll nach Auswertung der Anmeldezahlen im Ausschuss im Herbst beraten werden.

Warum auch Kinder aus Neviges abgelehnt wurden

Eltern abgelehnter Kinder äußerten gegenüber der Redaktion völliges Unverständnis darüber, dass der Schulweg (Wohnortnähe) kein vorrangiges Aufnahmekriterium ist. Dazu heißt es vom Schuldezernat: Die Kriterien zur Aufnahme sind in der Verordnung des Landes NRW festgelegt. Im Rahmen dieser Kriterien obliegt es der jeweiligen Schulleitung in Abstimmung mit der Bezirksregierung als Schulaufsicht, ein Auswahlverfahren durchzuführen. “Das Kriterium Schulweg kann nach Rechtsprechung des OVG NRW nicht herangezogen werden, wenn Schüler angemeldet wurden, die in ihrer eigenen Gemeinde eine Schule der gewünschten Schulform nicht besuchen können”, heißt es von der Schulverwaltung mit Blick auf Anmeldungen aus Wülfrath.

Warum trotz Anmeldeüberhang Kinder aus Wülfrath in Neviges aufgenommen wurden

Die SPD-Fraktion kritisiert weiterhin die Schulanmeldungen aus Wülfrath. Die dortige Gesamtschule unter privater Trägerschaft finde beim „Stadtkinderprinzip“ keine Berücksichtigung, führt Felix Hasselmann, stellvertretender Schulausschussvorsitzender, an. Er plädiert dafür, dass sich Verwaltung und Dezernentin im Land für eine Änderung des Schulgesetzes stark machen: „Kommunen, die eine Sekundarschule und eine gymnasiale Oberstufe betreiben, müssen Städten mit einer Gesamtschule gleichgestellt werden.“

Die Verwaltung entgegnet: Die Regelung zur Aufnahme stadtfremder Kinder ist im Schulgesetz verankert. Eine Einschränkung ist laut Paragraph 46 (Absatz 6) nur möglich, wenn Kinder in ihrer Heimatgemeinde eine Schule der gewählten Form besuchen könnten. Ein solcher Beschluss wurde in Velbert für alle Schulformen, mit Ausnahme der Gymnasien, gefasst. „Da die Stadt Wülfrath keine städtische Gesamtschule hat, müssen Schüler aus Wülfrath gleichberechtigt zu Kindern aus Velbert berücksichtigt werden“, konkretisiert Schuldezernentin Ernst. Und was die Veränderung des Schulgesetzes betrifft, verweist sie auf einen direkteren Weg: “Die politischen Vertretungen haben die Möglichkeit, ihre Wünsche/Vorschläge direkt über ihre schulpolitischen Sprecher in den Landtag einzubringen.”

Grüne Ratsfraktion: Mehrklassen an Gesamtschulen?

„Natürlich sind Bündnis 90/Die Grünen darüber besorgt, dass so viele Velberter Kinder an den beiden begehrten Gesamtschulen abgelehnt werden“, erklärt Esther Kanschat, Sprecherin des Arbeitskreises Schule, zur aktuellen Debatte. Sie schlägt die Zusammenarbeit mit den Nachbarstädten an einer regionalen Schulentwicklungsplanung vor. Statt über Landesrecht zu „philosophieren“, wie es die SPD tue, wolle man prüfen lassen, ob künftig Mehrklassen auch an den Gesamtschulen eingerichtet werden könnten.

Bündnis 90/Die Grünen schlagen darüber hinaus vor, eine öffentliche Informationsveranstaltung im Herbst anzusetzen. Dort könnten die erwarteten Schüler- und Einpendlerzahlen sowie die geltenden Aufnahmekriterien genannt werden. “Transparenz und Kenntnis der komplexen Zusammenhänge sind zweifellos besser als Frust und Empörung”, so Michael Schmerler vom Grünen-Fraktionsvorstand.

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